Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.

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Glossar der Kapitalismuskritik

Anti-Apartheid

von Mathis Jörrens

Apartheid bezeichnet die systematische Diskriminierung und Unterdrückung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit durch eine weiße Regierung in Südafrika (ca. 1948 bis 1990).  Seit den fünfziger Jahren richtete sich internationale Kritik – später auch in der Bundesrepublik – gegen das Apartheidregime. Dies schlug sich in der Popkultur ebenso nieder wie in der Wirtschaft. Aufsehenerregend waren im Westdeutschland der siebziger Jahre besonders die Aufrufe zum Konsumboykott gegen Unternehmen, die in Südafrika tätig waren und denen Aktivisten eine Kooperation mit der südafrikanischen Regierung vorwarfen. Sie sahen darin eine Stabilisierung des Regimes und prangerten die Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung durch westliche Konzerne an. Im Folgenden sollen die Protestformen der Anti-Apartheid-Bewegung und ihre Kapitalismuskritik mit besonderem Fokus auf die Bundesrepublik betrachtet werden. Außerdem soll dargestellt werden, welche Rolle dabei die Befreiungstheologie spielte.

Kampagnenplakat der Evangelischen Frauenarbeit mit Millionenauflage; Archiv der Sozialen Bewegungen Hamburg.

Boykott, Protest und Solidarität

In Westdeutschland setzte der Protest gegen die südafrikanische Regierung erst Mitte der siebziger Jahre und damit verhältnismäßig spät ein. In Großbritannien hatten Boykottkampagnen bereits 1959 begonnen und bis in die späten achtziger Jahre wachsenden Zulauf. Dabei spielten theologische Motive eine große Rolle. Im Sinne der Befreiungstheologie wurde das Apartheidregime als ausbeuterisch verurteilt; dagegen aktiv zu werden, ließ sich entsprechend als christliche Mission verstehen. Träger des Protests waren in der Bundesrepublik Verbände und kirchliche Organisationen wie der 1972 gegründete Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika oder die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland. Im Frühjahr 1974 entstand dann die Anti-Apartheid-Bewegung, gegründet bei einem Treffen, zu dem der Mainzer Arbeiterkreis eingeladen hatte. Während diese in ihren Anfängen vor allem von kirchlichen und studentischen Gruppen getragen wurde, engagierten sich dort später auch Gewerkschaften und Parteien. Der Begriff der Anti-Apartheid-Bewegung wird aber zugleich auch als Sammelbegriff für den Protest in Westdeutschland verwendet.

Der Boykott von Produkten hatte dabei mehrere Ansatzpunkte. Zum einen ging es um ökonomischen Schaden, der jene Unternehmen treffen sollte, die in Südafrika produzierten. Weil die Herkunft von Produkten wie Konserven, Wein oder Obst nicht immer ausgewiesen war, stand vor dem Boykott zunächst die intensive Recherche. Aber nicht nur Hersteller, sondern auch Supermärkte gerieten wegen ihrer Verbindung zum Apartheidregime in den aktivistischen Fokus. Aufrufe zum Konsumboykott hatten immer eine dreifache Stoßrichtung: erstens sollte politische Aufmerksamkeit hergestellt werden, zweitens galt es den Umsatz der Produkte markant zu senken und schließlich drittens den Konsumenten einen alltäglichen Weg zu zeigen, um durch bewusste Kaufentscheidungen ihren Protest zum Ausdruck zu bringen.

Zur Stärkung des Konsumbewusstseins kam im Fall der Evangelischen Frauenarbeit ein religiöser Auftrag hinzu. Dem Konsumboykott stellte sie nämlich Gespräche mit Geschäftsführern und Kunden der Supermärkte an die Seite; Flyer-Aktionen und Infostände zielten auf die Öffentlichkeit und machten auf die unmenschlichen Zustände in Südafrika aufmerksam. In der Bundesrepublik hatten diese Boykottkampagnen seit den späten siebziger Jahren eine große Resonanz und erreichten weite Teile der Bevölkerung. Deutlich wird dies besonders an Protestplakaten und Flugblättern. Eines der populärsten Motive zeigte eine Art Verbotsschild für Früchte aus Südafrika; die Evangelische Frauenarbeit ließ davon über eine Million Exemplare drucken.

In den achtziger Jahren weitete sich der Blick der Anti-Apartheid-Bewegung dann auch auf die Bundesregierung und Unternehmen, die in Kooperation mit der südafrikanischen Regierung standen. Jetzt gerieten Unternehmen wie die Dresdener Bank oder Mercedes-Benz in den Fokus. Die Aufdeckung ihrer Tätigkeit in Südafrika war dabei entscheidend und Grundlage für Kundgebungen und Demonstrationen; demgegenüber stand die Bundesregierung wegen militärischer Zusammenarbeit und Rüstungsexporten in der Kritik. Auch hier kam es zu Boykottaufrufen, etwa durch das Präsidium des evangelischen Kirchentages, das 1987 seine Konten bei Dresdener Bank, Deutscher Bank und Commerzbank kündigte, weil die Großbanken mit der südafrikanischen Regierung zusammenarbeiteten.

Auch in der Popkultur fand sich der Protest und die Solidarisierung mit der Bevölkerung von Südafrika wieder. Besonders eindrucksvoll wurde dies in der Musikbranche. Viele weltberühmte Sänger und Gruppen widmeten Songs dem Kampf gegen die Apartheid oder einzelnen Akteuren vor Ort. So setzte Peter Gabriel 1980 dem drei Jahre zuvor von südafrikanischen Polizisten getöteten Bürgerrechtler Steve Biko ein musikalisches Denkmal; die Simple Minds sangen ebenfalls über Biko und den seit Jahrzehnten inhaftierten Nelson Mandela, andere Künstler wie Stevie Wonder protestierten gegen die Apartheid. Ihren Höhepunkt erreichte diese popkulturelle Dimension mit dem Londoner Wembley-Konzert zu Mandelas 70. Geburtstag, das 1988 live in 67 Länder übertragen wurde und ein Publikum von bis zu 600 Millionen Menschen erreichte.

Kapitalismuskritik und Befreiungstheologie

Der Protest der Anti-Apartheid-Bewegung bezog sich in Westdeutschland ähnlich wie auch der Aktivismus in Südafrika auf Motive der Befreiungstheologie. Diese orientierte sich zwar immer auch an Vorstellungen von Nächstenliebe und Gleichberechtigung, so etwa im ersten Boykottaufruf der Evangelischen Frauenarbeit: „Wir dürfen nicht aufhören zu beten und müssen mit Aktionen beginnen. […] Sie soll die stumpfen Gewissen wecken und den Kampf um Menschenwürde mit tätiger Solidarität unterstützen“ (Möckel, 2024, S. 113). Oft wurde dabei eine Parallele zum biblischen Mose gezogen, wo ebenfalls ein Volk unterdrückt, ausgebeutet und befreit worden sei. Kapitalismuskritik war insofern wichtig, als die Apartheid immer auch als ein ausbeuterisches System und damit als eine besondere Erscheinungsform des Kapitalismus kritisiert wurde. Entsprechend lautete der zentrale Vorwurf an die Unternehmen in allen Boykottkampagnen, sie würden Menschenrechte missachten und aus Gewinninteresse an einem ausbeuterischen System partizipieren.

Deutlicher noch wird dies bei den Akteuren in Südafrika, auf die viele westliche Aktivisten mit Bewunderung blickten. Auch hier spielten theologische Hintergründe eine Hauptrolle, wobei die Befreiung vom System der Apartheid immer auch als ein Kampf verstanden wurde, der über politische Widerstand hinausging. Während sich die deutsche Anti-Apartheid-Bewegung von Gewalt distanzierte, sahen sie Teile des African National Congress als legitimes Mittel des Widerstands an. Ebenso jene ökumenische Gruppe von Priestern und Pastoren aus dem Township Soweto, die sich 1985 gegen die südafrikanische Amtskirchen positionierten und sich dabei vor allem auf Ideen der Befreiungstheologie bezogen. Im „Kairos Document“ heißt es entsprechend deutlich: „State Theology is simply theological justification of the status quo with its racism, capitalism and totalitarianism”. Kritiker der Amtskirchen würden entsprechend als Kommunisten diffamiert, „a very convenient way of frightening some people into accepting any kind of domination and exploitation by a capitalist minority”. 

Literatur

Autoren unbekannt: The Kairos Document, Soweto 1985.

Andresen, Knud: Between Goodwill and Sanctions. Swedish and German Corporations in South Africa and the Politics of Codes of Conduct, in: Knud Andresen/Sebastian Justke/Detlef Siegfried: Apartheid and Anti-Apartheid in Western Europe, London 2021, S. 25-43.

Andresen, Knud: Selbstverpflichtung gegen Apartheid? In: Benjamin Möckel/Jürgen Finger (Hrsg.): Ökonomie und Moral im langen 20. Jahrhundert. Eine Anthologie, Göttingen 2022, S. 31-39.

Möckel, Benjamin: Die Erfindung des moralischen Konsumenten. Globale Produkte und politischer Protest seit den 1950er Jahren, Göttingen 2024.

Brede, Mara: „Apartheid tötet – boykottiert Südafrika!“ Plakate der westdeutschen Anti-Apartheid-Bewegung, in: Zeithistorische Forschungen, 13 (2016), S. 348-359.