Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.

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Glossar der Kapitalismuskritik

Bonapartismus

von Marius Hahn

Viele Franzosen setzten große Hoffnungen in Charles-Louis-Napoléon Bonaparte (im Folgenden als Napoleon III. bezeichnet), der im Februar 1848 nach zwei gescheiterten Putschversuchen aus dem Exil nach Frankreich zurückkehrte und ihnen eine Verbesserung ihrer Situation versprach. Bei Arbeitern war er populär, weil er das allgemeine Wahlrecht forderte; Bauern nahm er für sich ein, weil er sinkende Steuern in Aussicht stellte. Zugleich versprach Napoleon III. dem Bürgertum stabile politisch-ökonomische Bedingungen und gute Aussichten für ihre Investitionen (Braun 2023, S. 96-99). Diesen Balanceakt zwischen den Interessen der unterschiedlichen Klassen und die darauffolgende Umwandlung der Französischen Republik in einen autoritären Staat analysierte Karl Marx in Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. In seinem zwischen Dezember 1851 und März 1852 verfassten Traktat zeichnete Marx nicht bloß die sozioökonomische Entwicklung in Frankreich seit der März-Revolution von 1848 nach. Scharf kritisierte er auch, wie der Parlamentarismus und damit die „bürgerliche Demokratie“ als Ganzes unter den Bedingungen des Kapitalismus lediglich die Interessen des Bürgertums vertrete. Marx führte dies auf unvereinbare Interessengegensätze zwischen den Klassen zurück: „Bonaparte möchte als der patriarchalische Wohltäter aller Klassen erscheinen. Aber er kann keiner geben, ohne der anderen zu nehmen“ (MEW, Bd.8, S. 206). Darin bestehe das eigentliche Dilemma der Zweiten Republik. Denn während Napoleon III. rhetorisch immer wieder um die Unterstützung der Arbeiter und Bauern warb und sich ihrer Unterstützung bald auch auf Plebiszite stützte, konnte er, so Marx, doch nicht auf die ökonomische Macht des Bürgertums verzichten.

Ausrufung des Kaiserreichs am 2. Dezember 1852: geschmücktes Rathaus, u.a. mit der Zahl der 7.824.189 Ja-Stimmen für die Kaiserwürde Louis-Napoléon Bonapartes,
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Klassenstruktur und -Interessen

Napoleon inszenierte sich als Vertreter der „Parzellenbauern“ (Ebd. S. 198), der zu dieser Zeit größten Klasse Frankreichs. Sie waren durch die napoleonischen Reformen erst zu Grundeigentümern geworden und bildeten ein Kleinbürgertum, das Marx zwischen der Arbeiter- und der Kapitalistenklasse positionierte. Ihr Eigentum an Grund und Boden habe in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dazu geführt, dass sie ein gemeinsames Interesse mit dem Bürgertum teilten. Mit ihrer wachsenden Verschuldung rückten die „Parzellenbauern“ in der Praxis aber immer näher an die Arbeiter heran (Ebd. S. 201-202). Um seine Herrschaft zu sichern, musste Napoleon III. die Loyalität der unteren Klassen gewinnen. Dies geschah auf zwei Wegen. Zum einen versprach er die materielle Lebensgrundlage der Bauern zu verbessern. Zum anderen inszenierte er sich bei ausgedehnten Propagandareisen durch das Land als Mann des Volkes. Parallel dazu schuf Napoleon III. mit der „Gesellschaft vom 10. Dezember“ eine paramilitärische Armee, die sich, so Marx, vor allem aus dem „Lumpenproletariat“ und ehemaligen Soldaten rekrutierte und mit einigen Privilegien ausgestattet wurde (Ebd. S. 161).

Das Vorgehen und die Rhetorik erinnern an das, was heute als Populismus bezeichnet wird. Napoleons Ausspruch: „Der Kaiser ist kein Mensch, sondern ein Volk“ (Rosanvallon/Halfbrodt 2020, S. 94) verdeutlicht dies. Hier wird vermittelt, dass der Kaiser gewissermaßen mit den kollektiven Interessen des Volkes verschmilzt und deshalb den allgemeinen Willen durchsetze. Dies verschafft ihm eine unantastbare Legitimation. Während Napoleon sich rhetorisch also mit dem Volk identifizierte und eine unmittelbare Herrschaft des Volkes durch seine Person suggerierte, blieb er ein autokratischer Herrscher. Allein 40 Prozent der Abgeordneten galten als Großgrundbesitzer; hinzu kamen wohlhabende Kaufleute, ehemalige hohe Beamte und Militärs (Price 2009, S. 67). Diese Zusammensetzung des Parlaments war kein Zufall, weil das Regime die Aufstellung der Kandidaten beeinflusste (Deinet 2019, S. 114).

Es wäre aber ein Fehlschluss anzunehmen, das französische Bürgertum sei eine homogene Gruppe mit einem einheitlichen Interesse gewesen. Marx unterschied zwischen Finanzkapitalisten, (Groß-)Grundeigentümern und Industriekapitalisten. (MEW, Bd.8, S. 178). So habe das Finanzkapital schon zur Zeit des Bürgerkönigs Louis-Phillipe I. eine hervorgehobene Stellung, besonders durch öffentliche Kredite und Staatsanleihen. Unter Napoleon III. änderte sich dies nicht, wie etwa die Position des Bankiers Achille Fould als Finanzminister und Interessenvertreter der Börse unterstreicht (Ebd. S. 183).

Seinem Gesellschaftsentwurf entsprechend versuchte Napoleon III., die Interessen dieser unterschiedlichen Gruppen in Einklang zu bringen. Die Staatsform der Republik stellte ihn hierbei zunächst vor Herausforderungen, weil er gegenüber dem Parlament kein Vetorecht hatte. Mit dem Übergang zur Kaiserschaft wurde die Macht zugunsten Napoleons III. neu geordnet, und die Interessen des Bürgertums fanden ihren Ausdruck nicht mehr durch parlamentarische Mechanismen, sondern in der autoritären Struktur des Kaiserreichs selbst. Eigentlich hatte Marx in der Republik die optimale Staatsform für die Entfaltung von Kapitalinteressen gesehen. Demgegenüber lag der Kern des Bonapartismus darin, dass „das Königtum, worin sich ihr Gegensatz personifizierte, […] ihre Einheit verkörpern, der Ausdruck ihrer ausschließlichen Fraktionsinteressen zum Ausdruck ihres gemeinsamen Klasseninteresses werden“ sollte (MEW, Bd.8, S. 178). Dass Napoleon III. ursprünglich als ein Interessenvertreter der französischen Bauern angetreten war, interpretierte Marx also als eine Form von Maskerade, während es in der Praxis immer um die Interessen des Kapitals gegangen sei.

Der Bonapartismus und das Volk

„Ich betrachte das Volk als Eigentümer und die Regierung, gleich welcher Ausrichtung als Pächter“ (zit. n. Rosanvallon/Halfbrodt 2020, S. 91). Mit diesen Worten beschrieb Napoleon III. sein Staatsverständnis in einem Brief an seinen Hauslehrer. Von den Fortschritten, die seit der Französischen Revolution gemacht wurden, blieb unter Napoleon III aber nicht viel übrig. Nach Marx waren progressive Gesetze dieser Zeit nur so lange wirksam, wie sie einen freien Markt schufen. Sobald die Geschäfte des Bürgertums in Gefahr schienen, wurden diese wieder fallengelassen (MEW, Bd. 8, S. 116). So wurden ab 1851 die Partizipationsrechte der Arbeiter durch ein neues Wahlgesetz stark eingeschränkt (Ebd. S. 157). Mit Gründung des Zweiten Kaiserreichs wurden auch die Möglichkeiten zur Bildung von Wahlkomitees sowie die Durchführung von Listenwahlen abgeschafft (Rosanvallon/Halfbrodt 2020, S. 99-100). So verhielt es sich auch mit den bürgerlichen Freiheitsrechten wie der Presse- und Versammlungsfreiheit, aber auch der Schutz vor der Todesstrafe aus politischen Gründen (Jaschke 1982, S. 10). Begründet wurde dies durch die Regierung damit, dass die private Presse eine Macht besitze, die demokratisch nicht legitimiert sei (Rosanvallon/Halfbrodt 2020, S. 104). Die Einschränkung der Meinungsbildung ist besonders problematisch, weil Napoleon III. seine Herrschaft immer wieder durch Plebiszite zu legitimieren versuchte (Ebd. S. 93). Volksabstimmungen sicherten Napoleons Alleinherrschaft seit dem Putsch vom Dezember 1851 ab; und auch die Wiederherstellung des Kaiserreich im November 1852 wurde durch eine Volksabstimmung beglaubigt. Auch ökonomische Versprechungen wie der Erlass von Steuern wurden nicht eingehalten (Braun 2023, S. 99). Vielmehr führten die Entscheidungen, die Napoleon III. zugunsten des Bürgertums traf, zu einer weiteren Verschuldung und somit zur größeren Abhängigkeit der Bauern (MEW, Bd. 8, S. 200).   

Fazit

Marx analysierte, wie Napoleon III. bestrebt war, die Interessen der Bürgertums konsequent durchzusetzen und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Arbeiter daran gehindert wurden, ihre Interessen politisch zu vertreten. Der „bürgerliche Staat“ repräsentierte also primär das Klasseninteresse des Bürgertums, unabhängig davon, ob dieser Staat nun als parlamentarische Demokratie oder aber als Kaiserreich ausgestaltet wurde. Marx resümierte, dass der Übergang von feudalen zu bürgerlichen Herrschaftsverhältnissen keine Befreiung der Arbeiter und Bauern bedeutete, sondern bloß eine Transformation der Machtverhältnisse im Kapitalismus. So trat „an die Stelle des Feudalen der städtische Wucherer, an die Stelle der Feudalpflichtigkeit des Bodens die Hypothek, an die Stelle des aristokratischen Grundeigentums das bürgerliche Kapital“ (Ebd. S. 201). Aus heutiger Sicht ist besonders zu beachten, wie die Entwicklung hin zu einem autoritären Staat  durch Plebiszite auch von den Arbeitern legitimiert wurde. Das populistische Vorgehen Napoleons III. war zentral, um in der Bevölkerung Bedingungen herzustellen, die die Grundlage für das Aushöhlen der Demokratie schuf.

 

Literatur

Braun, Dietmar (2023): Die Rezeptionsgeschichte der plebiszitären Diktatur. Eine ideengeschichtliche Analyse politischer Schriften des 19. und frühen 20. Jahrhundert, Wiesbaden.

Decker, Peter (2013): Demokratie. Die perfekte Form bürgerlicher Herrschaft, München.

Deinet, Klaus (2019): Napoleon III. Frankreichs Weg in die Moderne, Stuttgart.

Jaschke, Hans-Gerd (1982): Soziale Basis und soziale Funktion des Nationalsozialismus. Studien zur Bonapartismustheorie in: Beiträge zur Sozialwissenschaftlichen Forschung, 25, S. 149-162.

Marx, Karl: (1960, urspr. 1852): Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: Marx Engels Werke, Bd. 8, Ost-Berlin 1960, S. 111-207.

Price, Roger (2009): The French Second Empire. An Anatomy of Political Power, Cambridge.

Rosanvallon, Pierre/Halfbrodt, Michael (2020): Das Jahrhundert des Populismus. Geschichte, Theorie, Kritik, Hamburg.