Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.

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Glossar der Kapitalismuskritik

Dimitroff-Doktrin

von Maximilian Lauermann

Auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale hielt Georgi Dimitroff am 17. August 1935 eine Rede, die einen langen Nachhall haben sollte. In ihr formulierte er mit der „Agententheorie“ ein Dogma, das bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion prägend bleiben sollte. Dimitroff beschrieb den Faschismus als „offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischen, imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ (zit. n. Griffin, 2020, S. 44). In dieser Vorstellung fungierte der Faschismus als reines Werkzeug des Monopolkapitals. Dimitroff machte im weiteren Verlauf seiner Rede deutlich, dass „der Faschismus […] keine über den Klassen stehende Macht und keine Macht des Kleinbürgertums oder des Lumpenproletariats über das Finanzkapital“ sei; vielmehr sei der Faschismus „die Macht des Finanzkapitals selbst“ (zit. n. Pirker, 1965, S. 187). Die Vorstellung vom Finanzkapital schloss an Ideen von Rudolf Hilferding, vor allem aber von Wladimir I. Lenin an: „Es wird dabei als die Verbindung des […] Geldkapitals mit dem (Industrie-)Kapital bezeichnet, das durch die Ausbeutung der Arbeitskräfte Waren produziert, die Wert und Mehrwert repräsentieren.“ (zit. n. Zeise, 2019, S. 57). Der Faschismus galt Dimitroff und vielen Linken in seiner Folge also als zugespitzte Kombination aus Wirtschaftsmonopolen und Staatsmacht.

Kundgebung im Juli 1949 vor dem Leipziger Reichsgerichtsgebäude, das später zum Dimitroff-Museum umfunktioniert wurde, Deutsche Fotothek über Wikimedia Commons.

Faschismus und Kapitalismus in der Komintern

Diese Definition ist das Resultat einer mehr als ein Jahrzehnt andauernden Auseinandersetzung mit dem italienischen Faschismus. Im Juni 1919 propagierten verschiedene Führungspersonen als Nachfolger der „Fascio d‘Azione Rivoluzionaria“ die Idee des „Fascismo“ in Oberitalien und gaben die politische Richtung vor, die auf die Gründung der Vereinigung „Fascio di Combattimento“ im März 1919 zurückzuführen ist. Benito Mussolini, der vor dem Krieg selbst noch dem „Partito Socialista Italiano“ angehört hatte, wandte sich während des Krieges von der Partei und ihrer streng marxistischen Linie ab. Nach dem „Marsch auf Rom“ im Oktober 1922 veröffentlichte der italienische Journalist Giovanni Zibordi eine umfassende Sozialistische Kritik am Faschismus und hielt darin fest, dass der Faschismus „eine Konterrevolution […] der Bourgeoisie gegen die ‚rote‘ Revolution; eine Revolution der Mittelschicht gegen das liberale Regime; und eine (para-)militärische Revolution gegen den Staat“ durchgeführt habe (zit. n. Griffin, 2020, S. 39). Dabei folgt er einer bonapartistischen Lesart, wonach das Bürgertum den Faschismus für seine Interessen instrumentalisiert habe. Im Anschluss daran brachten sozialistische und marxistische Analysen den Faschismus immer wieder mit antisozialistischen Reaktionen der Bourgeoisie, der Finanzeliten und des Großkapitals in Zusammenhang. Die Definitionen folgen daher immer dem Prinzip, dem Faschismus einen kapitalistischen Ursprung zuzuschreiben und ihn zugleich als Waffe gegen den Kommunismus und Sozialismus zu interpretieren.

Als Mussolini im Oktober 1922 die Staatsgewalt übernahm, kam es auf dem IV. Weltkongress der Komintern Ende 1922 zu einer Kontroverse über die Entstehungsbedingungen des Faschismus, die sowohl europäische Kommunisten als auch radikale Sozialisten spaltete. In der Diskussion vertrat Amadeo Bordiga, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Italiens, die Auffassung, dass der Faschismus nur in wirtschaftlichen Krisen auftrete; dabei habe die (para-)militärische Diktatur eine vor allem defensive Stoßrichtung, weil sie auf bürgerliche Besitzstandswahrung ziele. Demgegenüber vertrat Karl Radek, der Sekretär des Exekutivkomitees (EKKI), die Auffassung, der Faschismus sei als Gegenrevolution zum Kommunismus zu verstehen. Auch Clara Zetkin, die Mitgründerin der KPD, machte auf der Tagung des EKKI im Juni 1923 deutlich, dass der Faschismus von der Bourgeoisie „mit allen […] Mitteln des Geldschranks und der politischen Macht“ gefördert worden sei (zit. n. Wippermann, 1989, S. 14).

Aus diesen Interpretationen des Faschismus entstand bei der Schlussresolution des Kongresses im Jahr 1922 die „Agententheorie“, welche besagte, dass „die Funktion des Faschismus darin bestand, für den Kapitalismus als direkter Agent der Klassenunterdrückung zu fungieren, ebenso wie als eine Macht, mit der die Bourgeoisie ihre Offensive gegen das Proletariat führte“ (zit. n. Griffin, 2020, S. 41). Die Sprengkraft dieser Deutung lag darin, dass sie die Kommunisten dazu in die Lage versetzte, jegliche liberal-demokratische Ordnung zu beschuldigen, mit dem Faschismus im Geheimen zu kollaborieren, da dieser sich der Erhaltung des Kapitalismus verschrieben habe. Entsprechend wurden von der Komintern alle politischen Formationen, die nicht kommunistisch waren, insbesondere das gesamte liberal-demokratische System des Westens, fortan pauschal als faschistisch diskreditiert. So entwickelte sich in der Komintern allmählich der Grundgedanke, dass der Faschismus eine Verkörperung des Kapitalismus sei. Entsprechend unterstellten Grigori Sinowjew und Josef Stalin erstmals 1924 auch der Sozialdemokratie einen faschistischen Charakter – und schon beim VI. Weltkongress der Komintern 1928 wurde die „Sozialfaschismusthese“ zur offiziellen Doktrin erklärt.

Sozialfaschismusthese trifft Dimitroff-Doktrin

Die beiden Auffassungen des Faschismus führten zu zwei grundlegenden Problemen. Nachdem die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernommen hatten, verkündete das EKKI im Mai 1933, dass die SPD „offen auf die Seite des Faschismus übergegangen“ sei (zit. n. Wippermann, 1989, S. 21). Während der Faschismusdiskussion auf dem XIII. Plenum des EKKI im Dezember 1933 wurde erstmals die zentrale These aufgegriffen, die später in Dimitroffs Definition von 1935 mündete, wobei zunächst nur die Sozialfaschismusthese gestärkt wurde. Erst 1934 zeichneten sich Bestrebungen in der Komintern ab, den strengen Dogmatismus abzulegen, da die kommunistische und sozialistische Partei Frankreichs eine antifaschistische Aktionseinheit bildeten. Dimitroff, der in den zwanziger und dreißiger Jahren als Funktionär der Komintern tätig war und sein Amt in europäischen Staaten ausübte, wurde 1924 in das EKKI gewählt und war ab 1928 Mitglied der Politkommission, die sich mit der Faschismusanalyse beschäftigte. Er hinterfragte nach seiner Emigration in die Sowjetunion die Position der Komintern, ob die Sozialdemokratie unter allen Umständen die „soziale Hauptstütze der Bourgeoisie“ sei (zit. n. Wippermann, 1989, S. 23). Mit seiner Kritik konnte er sich nicht durchsetzen, da die Komintern noch bis 1935 an der „Sozialfaschismusthese“ festhalten sollte – obwohl längst offensichtlich war, dass die Fundamentalopposition der deutschen Kommunisten einen Beitrag zu Hitlers Machtübernahme geleistet hatte.

Der lange Nachhall der „Dimitroff-Doktrin“ ermöglichte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Entnazifizierung der DDR und anderer Staaten Ostmitteleuropas. In der bipolaren Logik des Kalten Krieges galt jetzt der westliche Block als faschistisch. Umgekehrt erklärte die SED, mit der Enteignung der Feudalbesitzer und Finanzkapitalisten nach 1945 den Ursprung des Faschismus beseitigt zu haben. In der Folge wies die DDR als antikapitalistischer Staat die historische Verantwortung für den Nationalsozialismus von sich und nutzte die „antifaschistische-demokratische Umwälzung“, die später auch den „antifaschistischen Schutzwall“ nach sich zog, um das grundlegende Dogma der Kapitalismuskritik als zentrales Element ihres Antifaschismus zu etablieren. Dies erklärt, warum die DDR-Führung den Volksaufstand vom Juni 1953 eine von faschistischen Agenten provozierte Unternehmung hinstellen konnte. Auch der Bau der Berliner Mauer dient in dieser Logik nicht dazu, die Abwanderung junger und gut ausgebildeter DDR-Bürger in den Westen zu unterbinden, sondern als Schutz vor faschistischen Agenten aus der Bundesrepublik.

Literatur

Agethen, Manfred/ Jesse, Eckhard/ Neubert, Erhart (Hrsg.) (2002): Der missbrauchte Antifaschismus. DDR-Staatsdoktrin und Lebenslüge der deutschen Linken, Freiburg im Breisgau.

Bayerlein, Bernhard H./Hedeler, Wladislaw (Hrsg.) (2000): Georgi Dimitroff. Kommentare und Materialien zu den Tagebüchern 1933-1943, Berlin.

Drake, Richard (2003): Apostles and Agitators. Italy's Marxist Revolutionary Tradition, Cambridge/Massachusetts/London.

Globisch, Claudia/ Pufelska, Agnieszka/ Weiß, Volker (Hrsg.) (2011): Die Dynamik der europäischen Rechten. Geschichte, Kontinuitäten und Wandel, Wiesbaden.

Griffin, Roger (2020): Faschismus. Eine Einführung in die vergleichende Faschismusforschung. Eingeleitet und übersetzt von Martin Kristoffer Hamre, Stuttgart.

Keller, Claudia (Hrsg.) (1996): Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag. Antifaschismus. Geschichte und Neubewertung, Berlin.

Luks, Leonid (1984): Entstehung der kommunistischen Faschismustheorie. Die Auseinandersetzung der Komintern mit Faschismus und Nationalsozialismus 1921-1935, Stuttgart.

Pirker, Theo (1965): Komintern und Faschismus. Dokumente zur Geschichte und Theorie des Faschismus, Stuttgart.

Pufelska, Agnieszka (2011): Die Dynamik der europäischen Rechten. Geschichte, Kontinuitäten und Wandel, in: Globisch/Pufelska/Weiß (2011), S.281-293.

Timmermann, Barbara (1977): Die Faschismus-Diskussion in der Kommunistischen Internationale (1929-1935), Köln.

Wegmüller, Jürg (1972): Das Experiment der Volksfront. Untersuchungen zur Taktik der Kommunistischen Internationale der Jahre 1934-1938, Frankfurt am Main.

Wippermann, Wolfgang (1989): Faschismustheorien. Zum Stand der gegenwärtigen Diskussion, Darmstadt.

Zeise, Lucas (2019): Das Finanzkapital, Köln.