
Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.
Glossar der Kapitalismuskritik
Das Ende der bipolaren Welt und die Folgen
von Kim Dennis Heidecker
Spätestens mit dem Rücktritt Michail Gorbatschows als Staatspräsident der Sowjetunion am 25. Dezember 1991 zerbrach die „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ (UdSSR) nach einer bereits länger andauernden Phase von inneren Machtverlusten. Dieses Ende der bipolaren Welt hatte nicht nur weitreichende geopolitische Folgen, sondern wurde zeitgenössisch auch als Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus verstanden. Für die Linke fiel das Ende des „real existierenden Sozialismus“ mit einer Sinnkrise zusammen, die den vorläufigen Endpunkt einer Aneinanderreihung von Enttäuschungen markierte. Ihr Ausgangspunkt hatte schon in den sechziger Jahren gelegen. Es begann mit der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Paktes im August 1968. Die Zweifel wuchsen durch den „Gulag-Schock“, den der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn 1973 auslöste, als er im Archipel Gulag das System der sowjetischen Zwangsarbeit schilderte. Doch auch in der ökonomischen Sphäre wurden die Probleme des „real existierenden Sozialismus“ immer deutlicher. So kam es seit den siebziger Jahren beispielsweise immer häufiger zu Lebensmittelknappheit und einem Mangel an Konsumgütern. Ungeachtet dessen hielt die Neue Linke im Westen zunächst an ihrem Glauben an die Systemüberwindung fest.
Austritt Jutta Ditfurths während der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen im April 1991 in Neumünster, Wikimedia Commons.
Desillusionierung der Neuen Linken
Spätestens das rigide Vorgehen der polnischen Regierung gegen die als „konterrevolutionär” verunglimpfte Gewerkschaftsbewegung Solidarność führte 1981 aber zu weitreichenden „Erwartungstransformationen“ innerhalb der Neuen Linken (Sziedat, 2019, S. 60). Sie ließ fortan etwa den Begriff von der „Diktatur des Proletariats“ fallen, lehnte sowohl die NATO als auch den Warschauer Pakt ab, sagte sich vom gewaltsamen Revolutionsbegriff los und zeigte sich offen für einen „dritten Weg“ neben den Systemen des Kapitalismus und Sozialismus. Besonders deutlich wurde diese Entwicklung bei den sogenannten „K-Gruppen“, deren Anhänger sich zu dieser Zeit in großer Zahl vom radikalen Maoismus abwandten und sich entweder moderateren Linken anschlossen oder ihr politisches Engagement gänzlich einstellten. So kam es beispielsweise beim Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) infolge von Auseinandersetzungen „um eine realistischere Einschätzung der ‚Klassenkampfsituation‘ und um Versuche, mit maßvolleren Forderungen eine zunehmende Isolierung des KBW aufzufangen“ (Langguth, 1983, S. 97) ab 1980 zu zahlreichen Austritts- und Spaltungswellen. Die Kommunistische Partei Deutschlands „Aufbauorganisation“ (KPD/AO) löste sich im März desselben Jahres aufgrund ähnlicher Probleme selbst auf. Besonders die Idee des „dritten Weges“ fand Anklang auch bei den Grünen, denen sich jetzt zahlreiche Ex-Maoisten anschlossen. So warb Ralf Fücks etwa für einen „Weg jenseits von Kapitalismus und irrealem Sozialismus“ (Fücks, 1981, S. 40). Ursprünglich Mitglied des KBW sowie des Komitees für Demokratie und Sozialismus (KDS), machte Fücks jetzt Karriere bei den Grünen – zunächst als Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz in Bremen, später als Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. So wie Fücks hielten viele Linke weiter an ihrer Kapitalismuskritik fest, lösten sich aber von der idealisierten Dichotomie zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Joschka Fischer, der früher dem „Revolutionären Kampf“ angehört hatte, hielt die „kommunistische Utopie“ jetzt schon für „gruselige Science-fiction“ (Fischer, 1984, S. 97).
Dass die Neue Linke mit den Entwicklungen nicht recht schritthalten konnte, zeigen die Ereignisse um den ursprünglich für 1990 geplanten „Perestrojka-Kongress“. Die von den Grünen initiierte Veranstaltung, an deren Planung auch Vertreter aus der UdSSR beteiligt waren, hatte eigentlich zum Ziel gehabt, Gorbatschows „Modernisierung“ zu diskutieren und so zu Erkenntnissen zu gelangen, die sowohl „in die Sowjetunion hineinwirken“ als auch in „Westdeutschland Veränderungen anstoßen“ sollten (Sziedat, 2019, S. 114). Im Zentrum hätten auch dort Diskussionen über einen „dritten Weg“ stehen sollen, worin eine spezifisch deutsche Perspektive auf den Zerfall des Sozialismus zum Ausdruck kam. In vielen postsozialistischen Staaten waren gerade die Bürgerrechtler pro-kapitalistisch und häufig neoliberal eingestellt, während eher die Anhänger der alten Herrschaftsparteien den „dritten Weg“ ins Spiel brachten.
Umso verheerender war die Desillusionierung infolge der freien Volkskammerwahlen im März 1990, bei denen die Anhänger des „dritten Weges“ auf 2,9 Prozent kamen. Dies war nicht nur ein „Signal für den Wunsch vieler DDR-Bürger nach einer schnellen Einheit“ (Gerber, 2010, S. 98), sondern wurde auch als endgültige Klärung der Systemfrage empfunden. Dies entzog der Neuen Linken nicht nur eine wichtige ideelle Grundlage, sondern überall brach jetzt zugleich die Infrastruktur weg, kam es zu „Mitgliederverlusten“ und häufig auch zu „Finanzproblemen“ – ihre Westarbeit hatte sich die DDR in den achtziger Jahren noch jährlich über 60 Millionen D-Mark kosten lassen (Sziedat, 2019, S. 166).
Frust bei den Linken, Häme auf der Rechten
Während die Linke in eine Identitätskrise geriet, triumphierte die Rechte. Das herausragende Beispiel dafür ist der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, der bereits im Sommer 1989 in der Zeitschrift The National Interest die These vom „End of History“ (Fukuyama, 1989, S. 3) formulierte. Dahinter stand die Annahme, dass sich der westliche Liberalismus nach dem Niedergang des „real existierenden Sozialismus“ bald auch im Rest der Welt durchsetzen werde. Die Überlegenheit des Liberalismus sah Fukuyama im Kontext der immer auch ökonomisch gedachten Dichotomie der bipolaren Welt nicht zuletzt im Kapitalismus selbst begründet. Das Wirtschaftswachstum in Ländern wie Japan, Südkorea und China führte er auf die dortige Liberalisierung der Märkte zurück. Hinzu kamen ideelle Gründe. Fukuyama glaubte nämlich auch einen Wandel in der Geisteshaltung beobachten zu können, der dazu geführt habe, dass sich die Menschen gegen ein Leben in Sicherheit (und Armut) und stattdessen für ein Leben in Risiko (und Wohlstand) entschieden hätten.
Zeitgenössisch stießen diese Thesen auf viel Kritik. Nicht nur, dass Fukuyama einerseits das Ende der Geschichte behauptete, andererseits aber selbst einer neokonservativen Geschichtsphilosophie das Wort redete (Jordan, 2009, S. 160). Vielmehr hielten konservative Kritiker schon die Diagnose vom Untergang des Sozialismus für voreilig. Auf der Linken rümpfte man über Fukuyamas Kulturimperialismus die Nase, der von sich behauptet hatte, ausschließlich dem „common ideological heritage of mankind“ verpflichtet zu sein und nicht etwa „strange thoughts [which] occur to people in Albania or Burkina Faso“ (Fukuyama, 1989, S. 9).
In alledem wird deutlich, dass der Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ auf der Rechten nicht nur als Sieg gefeiert, sondern auch als Bestätigung der eigenen Weltsicht interpretiert wurde. Diese euphorische Gewissheit ging spiegelbildlich mit der Desillusionierung auf der Linken einher, deren Kapitalismuskritik die Utopie abhandengekommen war. Beides gehört zu den Vorbedingungen für jenen Siegeszug des Neoliberalismus, wie er in den neunziger Jahren zu beobachten war. Erst am Ausgang des Jahrzehnts formierte sich mit der Globalisierungskritik wieder ein dezidiert kapitalismuskritisches Projekt.
Literatur
Ackermann, Ulrike (2022): Sündenfall der Intellektuellen. Ein deutsch-französischer Streit von 1945 bis heute, Darmstadt.
Fukuyama, Francis (1989): The End of History? In: The National Interest, 16, S. 3-18.
Fukuyama, Francis (2006): The End of History and the Last Man. With a New Afterword, New York.
Fischer, Joschka (1984): Warum eigentlich nicht? In: ders. (Hrsg.): Von grüner Kraft und Herrlichkeit, Reinbek bei Hamburg, S. 88-98.
Fücks, Ralf (11-12/1981): Vergesellschaftung, Selbstverwaltung, Pluralismus. Sozialistische Umgestaltung des „realen Sozialismus“, in: Moderne Zeiten, S. 35-40.
Gerber, Jan (2010): Nie wieder Deutschland? Die Linke im Zusammenbruch des „realen Sozialismus“, Freiburg im Breisgau.
Hofmann, Birgit (2015): Der „Prager Frühling“ und der Westen. Frankreich und die Bundesrepublik in der internationalen Krise um die Tschechoslowakei 1968, Göttingen.
Jordan, Stefan (1/2009): Francis Fukuyama und das „Ende der Geschichte“, in: Zeithistorische Forschungen. Studies in Contemporary History 6, S. 159-163.
Langguth, Gerd (1983): Protestbewegung. Entwicklung – Niedergang – Renaissance. Die Neue Linke seit 1968, Köln.
Mende, Silke (2011): „Nicht rechts, nicht links, sondern vorn“. Eine Geschichte der Gründungsgrünen, München.
Sziedat, Konrad (2019): Erwartungen im Umbruch. Die westdeutsche Linke und das Ende des „real existierenden Sozialismus“, Berlin/Boston.
Ther, Philipp (2014): Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa, Berlin.