Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.

zurück zur Übersicht

Glossar der Kapitalismuskritik

Gottfried Feder

von Hüseyin Calik

Gottfried Feder (1883-1941) war Ingenieur und eine einflussreiche Figur in der frühen NSDAP, deren wirtschaftspolitische Vorstellungen sich lange an seiner antisemitisch grundierten Kritik am Finanzkapitalismus orientierten. Er prägte die ideologische Ausrichtung der frühen NSDAP und beeinflusste als Schulungsredner der Reichswehr auch die frühen wirtschaftspolitischen Vorstellungen Adolf Hitlers. „Brechung der Zinsknechtschaft“ war danach eine Forderung, die im ersten Parteiprogramm der NSDAP vom Februar 1920 („25 Punkte“) eine wichtige Rolle spielte. Als Nationalsozialist der ersten Stunde beteiligte Feder sich auch am „Marsch auf die Feldherrnhalle“ vom 9. November 1923. Anders als Hitler wurde Feder nach dem gescheiterten Putschversuch der NSDAP nicht verhaftet oder vor Gericht gestellt (vgl. Longerich, 2015, S. 166). Er gehörte zu der völkischen Bewegung und zählte zu den frühen Befürwortern Hitlers. Sein Einfluss nahm mit der Zeit jedoch stark ab.

1927 formuliert Gottfried Feder
seine radikale Kapitalismuskritik weiter aus;
Wikimedia Commons.

Schriften und Theorien

Gottfried Feder gelangte 1919 mit seiner Schrift „Brechung der Zinsknechtschaft“ in völkisch-nationalistische Kreise. Seinen Vortrag auf einer Versammlung der Deutschen Arbeiterpartei, der Vorgängerpartei der späteren NSDAP, hörte auch Hitler, der unter diesem Eindruck erste Vorstellungen zu wirtschaftlichen Fragen zu  entwickeln begann (vgl. Longerich, 2015, S. 82). Als Ingenieur und wirtschaftspolitischer Autodidakt war Feder einerseits Verfechter von Technokratie-Ideen (vgl. Plöckinger, 2018, S. 509). So war er der Überzeugung, dass Geld das wichtigste Steuerungsmedium für alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft sei. Entsprechend wichtig sei die politische Kontrolle über das Geldwesen. Eigentlich war Feders Kapitalismuskritik eine Verschwörungstheorie: „Die Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes bedeutet die einzig mögliche und endgültige Befreiung der schaffenden Arbeit von den geheimen übergewaltigen Geldmächten“ (Feder, 1919, S. 6).

Feder war als Unternehmer gescheitert und deshalb in eine finanzielle Notlage geraten, die er nicht sich, sondern den Banken anlastete. Entsprechend betrachtete er ökonomische Prozesse nicht als komplexe Zusammenhänge und las sich auch nicht in volkswirtschaftliche Theorie ein. Stattdessen blickte er allein auf Geld und Zins und leitete daraus radikale Forderungen ab: „Das gesamte Geldwesen untersteht der Zentralstaatskasse. Alle Privatbanken, desgleichen die Postscheckkassen, Sparkassen und Kreditgenossenschaften werden als Filialbetriebe angegliedert“ (Feder, 1919, S. 7). Feder forderte also eine vollständige staatliche Kontrolle über das Geldwesen. Dies lief auf die faktische Verstaatlichung des gesamten Bankensystems hinaus, das nicht länger gewinnorientiert arbeiten sollte – die wichtigste Voraussetzung für die Abschaffung der Zinsen. Konkrete Vorschläge zur Finanzierung oder zur künftigen Risikosteuerung der Staatsbank machte Feder allerdings nicht.

Mit der Betonung der „schaffenden Arbeit“ in Abgrenzung von den „geheimen übergewaltigen Geldmächten“ knüpfte Feder an Motive an, mit denen der moderne Antisemitismus im Gefolge des Gründerkrachs in den 1870er Jahren erstmals aufgekommen war. Schon damals war zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital unterschieden und letzteres dem Handel, den Banken und dem Börsenwesen zugeordnet worden – gemeint waren damit aber immer vorwiegend die Juden. So stand hinter Feders „Zinsknechtschaft“ eigentlich die Vorstellung, dass eine global agierende jüdische Finanzelite die Kontrolle über das Finanzwesen ausübe. Bürger und ganze Staaten seien von ihr abhängig, wofür Feder den Begriff des „Mammonismus“ verwendete.

Kapitalismuskritik war hier vor allem Ressentiment. Hitler und die NSDAP griffen diese Ideen auf, weil sie sich Zuspruch unter kleingewerblich-mittelständischen Wählern erhofften. So hieß es im „25-Punkte Programm“ der Partei: „Daher fordern wir: Die Brechung der Zinsknechtschaft“. Und in Punkt 16: „Wir fordern die Schaffung eines gesunden Mittelstandes und seine Erhaltung. Sofortige Kommunalisierung der Groß-Warenhäuser und ihre Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibenden.“ So wie Feder die Banken faktisch verstaatlichen wollte, galt es hier die Kaufhauskonzerne unter kommunale Kontrolle zu bringen – kapitalstarke Konzerne wie Tietz, Jandorf oder Wertheim galten kleinen Gewerbetreibenden schon lange als unliebsame Konkurrenz.

Abnehmender Einfluss

Gottfried Feders Bedeutung ging innerhalb der NSDAP im selben Maße zurück wie Agrarbolschewisten, Ständestaatsideologen und andere Interessenvertreter des Mittelstandes in die Defensive gerieten. Zwar hatte Feder im November 1931 noch die Leitung über einen Wirtschaftsrat der NSDAP erhalten. Schon im Jahr darauf verlor Feder diese Position aber wieder. Im Moment der Machtübernahme hatte Feder sich Hoffnungen auf das Amt des Reichswirtschaftsministers gemacht, das aber zunächst an den deutschnationalen Alfred Hugenberg ging. Nach dessen Rücktritt wurde der Allianz-Vorstand Kurt Schmitt zum Minister ernannt und zog Feder zog nun ebenfalls ins Ministerium ein, allerdings nur als Staatssekretär. Und so wie Feder als Unternehmer gescheitert war, mangelte es ihm auch im neuen Amt am nötigen Durchsetzungsvermögen. Dahinter stand allerdings auch eine Machtverschiebung grundsätzlicher Art.

Hitlers eigentliches Ziel war die Stabilisierung seiner Macht – und die Vorbereitung auf den großen Krieg, den er zu führen gedachte. Widerstand aus der Wirtschaft konnte er dabei nicht brauchen (Schanetzky, 2015, S. 29). Hinzu kamen Sachzwänge, die jenen ökonomischen Sachverstand zentral werden ließen, den weder Hitler noch Feder besaßen. Das Reich steckte in einer schweren Zahlungsbilanzkrise, und auf dem Parkett der Zoll-, Währungs- und Kreditpolitik versprach Hjalmar Schacht, Hitlers Kurs zu unterstützen. Der machtbewusste Reichsbankpräsident intrigierte nicht nur gegen Hugenberg und Schmitt, sondern überzeugte Hitler auch davon, einem „pseudosozialistischen Demagogen“ wie Feder besser nicht die Zuständigkeit für Geld und Kredit zu überlassen (Kopper, 2006, S. 189). Hitler distanzierte sich jetzt offen von Feders Parolen, um politischen Gegnern keine Angriffsfläche zu bieten (Plöckinger, 2018, S. 527). Die Aufrüstung hatte absolute Priorität, und dies ließ sich nur gemeinsam mit den Großkonzernen und den Banken bewerkstelligen. Nur wenige Monate nachdem Schacht von Hitler nun auch zum kommissarischen Reichswirtschaftsminister ernannt worden war, versetzte er Feder in den einstweiligen Ruhestand.

Fazit

Gottfried Feder wurde entmachtet, weil seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen nicht mit der Realität der nationalsozialistischen Machtsicherung vereinbar waren. Während er das „Finanzkapital“ hatte entmachten wollen, setzte Hitler auf eine pragmatische Zusammenarbeit mit Großindustrie und Banken (zu der auch die Entlassung jüdischer Angestellter und die „Arisierung“ der Besitzverhältnisse zählten), um seine langfristigen Ziele – Aufrüstung, Krieg und die Errichtung der Volksgemeinschaft – zu erreichen. Die Reichsstatthalterkonferenz am 6. Juli 1933, auf der Hitler das Ende der „nationalen Revolution“ verkündete, war das offizielle Signal für diesen Kurswechsel fort von der radikalen Kapitalismuskritik. Mit der Ernennung von Hjalmar Schacht zum Reichswirtschaftsminister im Juli 1934 wurde dann auch Feder wirtschaftspolitisch bedeutungslos. Danach war er als Professor für Raumordnung tätig, wo er mit der Idee einer an die NSDAP-Ortsgruppen angelehnten „Siedlungszelle“ noch am ehesten langfristige Spuren bis in die Wiederaufbauplanungen der Nachkriegszeit hinein hinterlassen hat.

 

Literatur

Feder, Gottfried (1919): Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes. München.

Kopper, Christopher (2006): Hjalmar Schacht. Aufstieg und Fall von Hitlers mächtigstem Bankier, München.

Longerich, Peter (2015): Hitler. Biographie, München.

Plöckinger, Othmar (2018): Gottfried Feders Einfluss auf die Wirtschafts- und staatspolitischen Vorstellungen der frühen NSDAP und auf Hitlers „Mein Kampf“. in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 105, S. 497-527.

Schanetzky, Tim (2015): Kanonen statt Butter. Wirtschaft und Konsum im Dritten Reich, München.