Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.

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Glossar der Kapitalismuskritik

Gelsenberg-Affäre

von Fabian Büttner, Gerrit Friedlinghaus und Tim Schanetzky

Auf fast sieben Millionen schätzten zeitgenössische Beobachter im Sommer 1932 die Zahl der Arbeitslosen, und die politischen Ereignisse überschlugen sich: Die Regierung Brüning trat zurück, und kurz vor der Reichstagswahl vom 31. Juli setzte der neue Kanzler Franz von Papen die sozialdemokratische preußische Regierung ab. Die NSDAP agitierte gegen die Weimarer Regierungen, die im Kampf gegen die Wirtschaftskrise nicht nur bei der Arbeitsbeschaffung zu wenig unternommen hätten. Einen schrillen Ton bekam die Kapitalismuskritik von rechts auch wegen eines Skandals, der mit ersten Presseberichten vom 19. Juni 1932 begann. Zu einer der allerletzten Amtshandlungen der Regierung Brüning hatte nämlich gehört, den Montanindustriellen Friedrich Flick vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren. Der Fiskus kaufte ihm seine Anteile an der Gelsenkirchener Bergwerks AG ab, an der wiederum die Kontrolle über den weltweit zweitgrößten Montankonzern hing, die Vereinigte Stahlwerke AG.

Friedrich Flick um 1930 mit seinen Söhnen im Park seiner Villa in Berlin-Grunewald; Sammlung Flick, Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv.

Das Gelsenberg-Geschäft

Bis zum Sommer 1932 war Friedrich Flick nur Fachleuten bekannt gewesen. Er hatte zu den Profiteuren der Inflation gehört und in einer Reihe von spekulativen Aktiengeschäften aus seinem Siegerländer Stammunternehmen, der Charlottenhütte, eine einflussreiche Konzernholding gemacht. Geschickt hatte er sich die Konstruktion der Vereinigte Stahlwerke AG zunutze gemacht: Diese war im Rahmen einer großen Fusion aus den Resten des Stinnes-Konzerns entstanden, indem die beteiligten Gründungsunternehmen ihren Besitz an Werken und Zechen in die neue Gesellschaft einbrachten. Dafür erhielten sie im Gegenzug Aktien des Stahlvereins. Größter Einzelaktionär des Stahlvereins war die Gelsenkirchener Bergwerks AG, die Bauherrin der Essener Zeche Zollverein. Flick war es gelungen, etwas über 40 Prozent der Gelsenberg-Aktien aufzukaufen, und seine Machtposition rührte vor allem daher, dass Gelsenberg bald auch knapp 40 Prozent der Phoenix AG kontrollierte – eine weitere Gründungsgesellschaft des Stahlvereins. Flicks Charlottenhütte hielt daneben aber auch noch die Mehrheit an der Maxhütte mit ihren Hüttenwerken in Thüringen und Bayern erworben, und auch bei den Mitteldeutschen Stahlwerken in Sachsen und rund um Berlin war sie Haupteigentümerin.

Flicks einzigartige industrielle Machtposition wankte wegen ihrer Überschuldung. Er gelangte aus drei Richtungen unter Druck: Erstens brachen in der Wirtschaftskrise Einnahmen weg, die fest eingeplant waren, um Kredite bedienen zu können. Zweitens hatte Flick ein Gebilde ineinander verschachtelter Beteiligungen geschaffen, und auf jeder Verschachtelungsstufe waren Aktienpakete als Kreditsicherheit bei den Banken hinterlegt worden. Weil in der Krise auch die Börsenkurse der fraglichen Aktien sanken, standen den Geldgebern zusätzliche Sicherheiten zu. Schon im Winter 1931/32 begannen die Banken misstrauisch zu werden; niemand mochte Flick zusätzliches Geld geben. Drittens schließlich drohte das Konzerngebäude einzustürzen, sobald Kredite fällig wurden. Von 110 Millionen Mark Bankschulden, die auf Gelsenberg lasteten, waren 48 Millionen im Frühjahr 1932 fällig. Die Charlottenhütte stand mit weiteren 50 Millionen in der Kreide, von denen 35 Millionen Mark ebenfalls kurzfristig fällig wurden.

In dieser Situation hielt Flick sich an den Fiskus, und dazu passten Gerüchte, wonach die Kontrolle über die deutsche Montanindustrie in französische Hände zu fallen drohte. Die vielen Details der Interessenpolitik sind hier nicht wichtig. Entscheidend ist, dass Flick die Charlottenhütte und auch seine Beteiligungen in Bayern und Mitteldeutschland behalten durfte. Brüning stimmte der vom liberalen Reichsfinanzminister Hermann Dietrich ausgehandelten Rettungsaktion zu: 90 Millionen Mark ließ sich das Reich die Rettung eines Einzelunternehmers kosten, dem sie die Kontrolle über den Stahlverein abkaufte. Dahinter stand wohl auch die Angst vor einer neuerlichen Bankenkrise. Aber als die Details des Geschäfts im Juni an die Öffentlichkeit gelangten, lag der Skandal vor allem darin, dass der Sparkanzler Brüning die Gelsenberg-Aktien nicht zum Börsenkurs gekauft, sondern dafür einen fast vierfach überhöhten Preis gezahlt hatte.

 

Kritik von rechts

Im Sommer 1932 wurde das Geschäft zum Thema im Wahlkampf, und wochenlang machte es mal als „Gelsenberg-Affäre“, mal als „Flick-Skandal“ Schlagzeilen. Aufschlussreich ist besonders die Kritik, welche die Intellektuellen des Tat-Kreises äußerten, Vordenker eines kommenden totalitären Staates, die für die Republik nur Verachtung übrig hatten und die den Kapitalismus als Teil des Problems sahen. Nach 1945 wurde das für viele Beteiligte zum Problem – dies erklärt, warum sie sich lieber als „Jungkonservative“ oder „konservative Revolutionäre“ bezeichnet wissen wollten denn als intellektuelle Wegbereiter des Nationalsozialismus.

Es waren junge Männer wie der erst 25jährige Giselher Wirsing, die in der Monatszeitschrift Die Tat publizierten und dort ihre Sehnsucht nach starker Führung propagierten. Ferdinand Fried war dort eigentlich der Kapitalismuskritiker vom Dienst, aber mit Wirsing griff jetzt auch der Außenpolitiker des Blattes dessen Überzeugungen auf. Unter der Überschrift „Herr Flick und Herr Dietrich“ rechnete er im Juli 1932 mit dem Kapitalismus ab. Weil der Fiskus seit der Bankenkrise des Vorjahres schon so viele Unternehmen vor dem Zusammenbruch bewahrt habe, sei „jede klare Abgrenzung von privatwirtschaftlichem und staatswirtschaftlichem Sektor längst verwischt“ worden. Und wer sich eigentlich nach dem starken Staat sehnte, den musste es eben besonders schmerzen, wenn „der Staat trotz der scheinbaren Ausdehnung seines Machtbereichs nicht der eigentliche Gewinner“ dieser Entwicklung war (Wirsing, 1932, S. 347).

Für einen Unternehmer wie Friedrich Flick hatte Wirsing nur Verachtung übrig. Er maß ihn an einer Idealvorstellung vom guten Unternehmertum, das sich vor allem in einer Verbundenheit mit dem eigenen Werk ausdrückte, worin sich Mittelstandsideen ebenso spiegelten wie eine Fokussierung auf die „schaffende“ Produktionssphäre. Der „eigentliche Unternehmer“ stünde gerade „in scharfem Kampfe“ mit dem Typus des Spekulanten, wie Flick ihn verkörperte: „Der Spekulant steht im Hintergrund und ist bis zum Tage seiner Entlarvung von geheimnisvollen Schleiern umwoben, die auf den sentimentalen Zug unserer rationalisierten Gesellschaft berechnet sind.“ Wirsing beklagte, wie die Spekulanten „allmählich völlig die Mentalität der Industrie“ und inzwischen auch „die Mentalität des Staates zu bestimmen“ begonnen hätten (Wirsing, 1932, S. 347 f.).

Entsprechend galt die Gelsenberg-Affäre als Paradebeispiel dafür, wie „die öffentlichen Finanzen den Interessen des Monopolkapitals dienstbar werden“ (Wirsing, 1932, S. 348). Aus dem Blickwinkel des Tatkreises hätte es genau andersherum sein müssen: Gegenüber der Verstaatlichung von Banken und Industriekonzernen waren Wirsing und seine Kollegen nämlich durchaus aufgeschlossen, wie sein Alternativvorschlag zeigt. Die „einzig mögliche Antwort“ auf die Flicks Krise und das Frankreich-Gerücht wäre demnach gewesen, den „Schachtelkonzern Charlottenhütte“ zu verstaatlichen und Flick günstigstenfalls gegen Entschädigung in staatlichen Schuldverschreibungen aus seinem Unternehmen zu drängen – eigentlich aber hätte der „vorliegende Tatbestand Anlass genug geboten, Herrn Flick als Schädiger der Interessen des Deutschen Reiches zu enteignen.“

Stattdessen habe sich im Gelsenberg-Geschäft die ganze Schwäche des Staates offenbart, denn die „Sozialisierung der Verluste ist keine wirkliche Sozialisierung. Es fehlt ihr nicht nur jede Konsequenz, sondern sie rückt hart an die Grenze der Sozialisierung der Korruption“ (Wirsing, 1932, S. 347). Kapitalismuskritik und Demokratieverachtung gingen bei Wirsing also Hand in Hand, denn in dessen Sicht war hier ein systemisches Problem des Parteienstaates zu beobachten. Seine düstere Andeutung von der „Sozialisierung der Korruption“ spielte auf Mechanismen der Parteienfinanzierung ebenso an wie auf jene Korruptionsskandale, die von der völkisch-nationalistischen Rechten immer wieder gegen die „Systemparteien“ ausgeschlachtet worden waren – Sozialdemokraten und Zentrumspolitikern war im Barmat-Skandal tatsächlich Vorteilsnahme nachgewiesen worden. Auch dürfte Wirsing hier das offene Geheimnis der Wirtschaftsspenden für die Parteien im Sinn gehabt haben: Eine öffentliche Parteienfinanzierung gab es nicht, und gerade die mitgliedsschwachen liberalen Parteien waren zu Wahlkämpfen nur deshalb in der Lage, weil Unternehmen und Verbände spendeten. Bei der Vorbereitung des Nürnberger Prozesses gegen Friedrich Flick kam später tatsächlich heraus, dass dieser im Frühjahr 1932 mit knapp 450.000 Mark die Kampagne für Hindenburg gegen Hitler unterstützt und auch sonst allerlei Politiker finanziell bedacht hatte.

Für Flick zahlte sich das Manöver aus, denn das Gelsenberg-Geschäft hatte ihn mit frischem Kapital ausgestattet, was am Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise ein eklatanter Wettbewerbsvorteil war. Die demokratiepolitischen Folgen hingegen waren fatal. Aus der Juli-Wahl ging die NSDAP mit 37,3 Prozent der Stimmen erstmals als stärkste politische Kraft hervor. Der Stimmenzuwachs von 19 Prozentpunkten gegenüber 1930 kann zwar nicht allein mit ihrer antikapitalistischen Agitation erklärt werden. Aber ihr Wahlkampf war doch ganz auf das „Sofortprogramm“ ausgerichtet gewesen, das unter dem Einfluss von Gregor Strasser besonders den „nationalen Sozialismus“ betont und die Kapitalismuskritik von rechts ins Zentrum gestellt hatte. Giselher Wirsing wurde schon 1933 SS-Anwärter und übernahm im September 1933 die Chefredaktion der Tat; auch danach war er ein gefragter Mann der NS-Propaganda. In der Bundesrepublik setzte er seine Karriere ungebrochen fort, etwa als Mitgründer der nationalprotestantischen Wochenzeitung Christ und Welt, die er von 1954 bis 1970 als Chefredakteur prägen sollte.

 

Literatur

Jurk, Michael: Jakob Goldschmidt 1882-1955, in: Hans Pohl (Hrsg.): Deutsche Bankiers des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 2012, S. 153-164.

Kowall, Nikolaus: „Arbeit und Brot“. Die sozioökonomische NS-Propaganda vor 1933, in: Wirtschaftsdienst, 103 (2023), S. 406-412.

Priemel, Kim Christian: Die Gelsenberg-Affäre. Ursachen-Verlauf-Ergebnisse, in: Johannes Bähr u.a.: Der Flick-Konzern im Dritten Reich, München 2008, S. 44-56.

Reckendrees, Alfred/Priemel, Kim Christian: Politik Als Produktive Kraft? Die „Gelsenberg-Affäre“ und die Krise des Flick-Konzerns (1931/32), in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 47 (2006), S. 63-94.

Schanetzky, Tim: Friedrich Flick (1883–1972). Der garantierte Kapitalismus, in: Bormann, Patrick/Michel, Judith/Scholtyseck, Joachim: Unternehmer in der Weimarer Republik. Stuttgart 2015, S. 319-331.

Sontheimer, Kurt: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933, München 1968.

Sontheimer, Kurt: Der Tatkreis. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 7 (1959), S. 229-260.

Wirsing, Giselher: Herr Flick und Herr Dietrich, in: Die Tat, 7/1932, S. 346-351.