Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.

zurück zur Übersicht

Glossar der Kapitalismuskritik

Greenpeace-Kampagnen

von Dilara Özcagi und Sema Taş

Die späten siebziger Jahre waren ein Wendepunkt für die westeuropäische Chemieindustrie. Nach Jahrzehnten des wirtschaftlichen Booms gerieten die Konzerne nicht nur unter globalen Wettbewerbsdruck, sondern gerieten zugleich auch in die gesellschaftspolitische Defensive. Chemiekonzerne gerieten nach Störfällen wie im norditalienischen Seveso und vermehrt wegen Umweltschäden durch Schadstoffentsorgung in die Kritik, was heute unter das Schlagwort von der „Chemophobie“ gefasst wird. Chemieunfälle und Gewässerverschmutzung lösten Protest aus, während neue Gesetze bald die Prüfung der Umweltverträglichkeit von Produkten und Prozessen vorschrieben.

Protest mit totem Fisch vor der Bayer-Hauptverwaltung im Oktober 1980; Coordination gegen Bayer-Gefahren.

Staatliche Umweltpolitik

Staatliche Umweltschutzpolitik war zwar schon 1971 in den Blickpunkt gerückt, als Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) ein erstes Umweltprogramm aufgelegt hatte. Die gesellschaftliche Verankerung reichte aber tiefer, wie schon der Widerstand gegen die Atomkraft zeigte, der im südbadischen Wyhl einen ersten Kristallisationspunkt hatte und 1975 quer durch alle Bevölkerungsschichten ging. Aus solchen Anfängen formierte sich bald auch eine politische Allianz aus Umweltaktivisten, Friedensbefürwortern, Atomkraftgegnern und Bürgerrechtlern – Kapitalismuskritik und Sehnsucht nach einem besseren und authentischeren Leben waren 1979 wichtige Schnittmengen bei der Gründung der neuen Partei „Die Grünen“. Ob man überhaupt eine Partei sein wollte, war aus dem Selbstverständnis als „Bewegung“ heftig umstritten, und zu einem internationalen Bezugspunkt der „Neuen Sozialen Bewegungen“ wurde sehr bald auch der Greenpeace-Aktivismus.

Als Graswurzelbewegung 1971 zunächst in Kanada gegründet, engagierte sich Greenpeace zunächst besonders gegen Atomtests. Die Kampagnen sorgten für viel Öffentlichkeit, und bald eröffneten europäische Greenpeace-Aktivisten eigene Büros, etwa in London und Paris. In der Bundesrepublik gründete sich Greenpeace Deutschland am 17. November 1980 in Bielefeld, und dem war die Dünnsäure-Kampagne unmittelbar vorausgegangen.

Greenpeace und die Dünnsäure-Kampagne

Im Mittelpunkt stand der Gewässerschutz, und im Vorgehen der Aktivist:innen zeigte sich besonders anschaulich, wie Greenpeace-Aktion angelegt waren. Immer verfolgten sie das Ziel, durch medienwirksame Protestaktionen, begleitende Öffentlichkeitsarbeit und mediale Präsenz ein gesellschaftliches Bewusstsein für Umweltschäden zu schärfen und politische Veränderungen anzustoßen. Greenpeace richtete sich jetzt gegen die Entsorgung von sogenannter Dünnsäure in Gewässern. Gemeint war damit verdünnte Schwefelsäure, wie sie besonders bei der Herstellung von Titandioxid anfiel – einem weißen Farbpigment, das in der modernen Gesellschaft vielerorts verwendet wird, in Zahnpasta ebenso wie in Waschmitteln, aber auch in Medikamenten und Farbstoffen. Bei der Herstellung von einer Tonne Titandioxid fielen damals acht Tonnen Schwefelsäure an, die aber nicht weiterverarbeitet, sondern als Dünnsäure in der Nordsee entsorgt wurden. Dafür lagen behördliche Genehmigungen vor, und obwohl Fischer aus den Nordseeanrainerstaaten seit Jahren gegen diese Praxis protestiert hatten, war politisch bisher kaum Bewegung in die Sache gekommen.

Gewässerschutz ist ein komplexes Thema. In die Nordsee gelangten damals neben der Dünnsäure auch noch immer kommunales Abwasser und die Schmutzfracht von Rhein, Weser und Elbe – grenzüberschreitende Flüsse, wobei auf die Einleitungen des DDR-Kalibergbaus oder der mitteldeutschen Chemiebetriebe von Bonn aus kaum Einfluss genommen werden konnte. Die Greenpeace-Kampagne hingegen fokussierten einzig die Dünnsäure, und zwar auch deshalb, weil mit Bayer und Kronos Titan nur zwei Chemieunternehmen zu den führenden Herstellern von Titandioxidin der Bundesrepublik zählten. So stellte Greenpeace einen einzigen Stoff und zwei Unternehmen heraus, um die Bedeutung des Gewässerschutzes hervorzuheben. Damit ging eine klare Rollenverteilung einher: Die beiden Unternehmen wurden als prominente Beispiele für Praktiken angeführt, die zur Verschmutzung der Nordsee führten. „Gut“ (Greenpeace) und „böse“ (Chemiekonzerne) wurden einander gegenübergestellt. Und weil Greenpeace nicht etwa die Stadt Brüssel anprangerte, deren Abwässer noch immer ungeklärt in die Nordsee geleitet wurden, sondern zwei Großunternehmen in einer ohnehin unpopulären Branche, handelte es sich zugleich um eine ökologisch grundierte Kapitalismuskritik. In dieser Logik verhinderten das Gewinnstreben der Industrie und die Zögerlichkeit staatlicher Politik eine Aufbereitung und anschließende Weiterverwendung der Schwefelsäure.

Im Mai 1980 protestierten französische und niederländische Aktivist:innen erstmals in Rotterdam gegen die Verschmutzung der Nordsee. Es war eine der ersten öffentlichkeitswirksamen Aktionen, die direkt auf die Problematik der Dünnsäure-Verklappung aufmerksam machten. Diese Proteste stellten einen wichtigen Ausgangspunkt dar, da sie das Thema erstmals ins öffentliche Bewusstsein rückten und eine breitere internationale Diskussion über die Verschmutzung der Nordsee auslösten. Die Aktion wurde durch den Bürgermeister von Rotterdam unterstützt. Einige niederländische Aktivist:innen reichten zudem Klage gegen Bayer ein. Diese Aktion führte dazu, dass der Vorstandsvorsitzende von Bayer ein Telegramm an Bundeskanzler Helmut Schmidt schickte und um eine deutsche Intervention bat, um 4.000 Arbeitsplätze zu erhalten, die anderenfalls verloren zu gehen drohten.

Aktionen in Deutschland: Kronos Titan und Bayer im Fokus

Im Oktober 1980 suchten Westdeutsche unter den Greenpeace-Aktivisten erstmals die Konfrontation mit Kronos Titan und Bayer, um die Verklappung von Dünnsäure in der Nordsee zu verhindern. Während sich die Aktion gegen Kronos Titan direkt auf ein Verklappungsschiff konzentrierte, richteten sich Proteste zeitgleich auch gegen Bayer, das ebenfalls Dünnsäure in die Nordsee einleitete. Die Greenpeace-Aktivist:innen, darunter Harald Zindler und Monika Griefahn, blockierten mit einer Rettungsinsel das Auslaufen des Verklappungsschiffes von Kronos Titan. Am Leverkusener Rheinhafen besetzten Aktivist:innen eine Verladebrücke. Vor den Türen der Bayer-Hauptverwaltung und des Hygrografischen Instituts in Hamburg kippten Fischer tonnenweise verendeten Fisch ab – angeblich waren die Tiere an Krebsgeschwüren eingegangen, welche auf die Dünnsäureverschmutzung zurückführen seien.

Die Dünnsäure-Kampagne war der Start für Greenpeace in Deutschland. Das Handeln der Aktivist:innen wie Gerhard Dunkel, Harald Zindler oder Monika Griefahn hat Greenpeace Deutschland in kurzer Zeit viele neue Mitglieder zugeführt und bewirkte wichtige Veränderungen für die Umwelt. Aktionen wie die von Greenpeace waren in Deutschland bis dahin unbekannt, und zumindest der Bayer-Konzern knickte vor dem medialen Gegenwind ein und kündigte an, die Verklappung der Dünnsäure im März 1982 einzustellen. Später kam heraus, dass damit ausdrücklich nur das Werk in Deutschland gemeint war, nicht aber Bayer-Antwerpen. Kronos Titan hingegen beharrte auf der behördlichen Entsorgungsgenehmigung und stand danach noch bis 1990 im Brennpunkt der Kritik.

Es war eine Kapitalismuskritik, die am 24. Juni 1981 auch von den Greenpeace-Aktivisten zum Ausdruck gebracht wurde, die am Schornstein des Hamburger Werks des Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim ein Transparent befestigten, auf dem weithin zu lesen war: „Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann“ (Zelko, 2014, S. 290).

Literatur

Marx, Christian: Wegbereiter der Globalisierung. Multinationale Unternehmen der westeuropäischen Chemieindustrie in der Zeit nach dem Boom (1960er-2000er Jahre), Göttingen 2023.

Mende, Silke: „Nicht rechts, nicht links, sondern vorn“. Eine Geschichte der Gründungsgrünen, München 2011.

Monßen, Melanie: Umweltinnovationen. Untersuchung von Fallstudien bei der Bayer AG, in: dies./Koch, Lars (Hrsg.): Kooperative Umweltpolitik und nachhaltige Innovationen. Das Beispiel der chemischen Industrie, Heidelberg 2006, S. 28-94.

Uekötter, Frank: Umweltgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, München 2007.

Zelko, Frank: Greenpeace: Von der Hippiebewegung zum Ökokonzern, Göttingen 2014.