Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.

zurück zur Übersicht

Glossar der Kapitalismuskritik

Stuart Hall und der Kulturkampf

von Berk Eraslan

„Kulturkampf“ – so nannte Rudolf Virchow, Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses, den Kampf von Otto von Bismarck gegen den Einfluss der katholischen Kirche in den 1870er Jahren. Dieser Kulturkampf war nicht nur der politische Versuch, den Einfluss der Kirche aus den Bereichen Bildung, Familie und Politik zu verdrängen, sondern auch eine Strategie, nationale Einheit und staatliche Strukturen in einer Gesellschaft zu festigen, die stark von religiöser und territorialer Spaltung geprägt war. Im Mittelpunkt standen dabei Fragen der Identität, Zugehörigkeit und Werte. Schon der „erste“ Kulturkampf war also zugleich Indikator gesellschaftlicher Spannungen als auch Faktor in der politischen Aushandlung genau dieser – und zwar insofern, als die damalige politische Elite die Konflikte instrumentalisierte, um bestehende Machtverhältnisse zu ändern und Herrschaftsansprüche zu festigen. Im 20. Jahrhundert analysierten der Marxist Antonio Gramsci und darauf aufbauend dann der jamaikanisch-britische Soziologie Stuart Hall diese doppelte Natur kultureller Kämpfe und brachten sie mit der Dynamik des Kapitalismus in einen systematischen Zusammenhang.

Londoner Polizei im April 1981 in Brixton. Bild über Wikimedia Commons.

„Organische Krisen“ bei Gramsci und Hall

In seinen überwiegend im Gefängnis verfassten Schriften formulierte Gramsci in den dreißiger Jahren eine fragmentarisch gebliebene Theorie gesellschaftlich-kultureller „Hegemonie“ im Kapitalismus. Der Nährboden der Kämpfe um gesellschaftliche „Hegemonie“ liegt dem italienischen Marxisten zu Folge in den sogenannten „organischen Krisen“ (Becker et al. 2019, S. 304). Darunter verstand dieser keine kurzfristigen oder oberflächlichen Störungen, sondern tiefgreifende, strukturelle Verwerfungen innerhalb einer Gesellschaft. Sie beträfen gleichzeitig die ökonomische, politische und ideologische Ebene und äußerten sich in einer umfassenden Schwächung der bisherigen herrschenden Klasse, die durch die „organische Krise“ ihre Fähigkeit verliere, Zustimmung zu ihrem Programm zu generieren und die gesellschaftliche Ordnung aufrechtzuerhalten. In den krisengeschüttelten siebziger Jahren griff Stuart Hall, seit Anfang des Jahrzehnts Leiter des Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) in Birmingham, dieses Deutungsangebot auf. Mit dem Übergang der klassischen Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft traten laut Hall ähnliche soziale Verwerfungen auf, wie sie von Gramsci beschrieben worden waren. Auch sie ständen im Zusammenhang mit einem fundamentalen Wandel des Kapitalismus. Und auch sie brächten nachhaltige Kämpfe um Hegemonie hervor: „cultural wars“.

Entwickelt habe sich die „organische Krise“ schon mindestens seit den siebziger Jahren, als sich der britische Kapitalismus in rasantem Tempo globalisierte und der daraus resultierende Wettbewerb u.a. durch die Konkurrenz aus den Schwellenländern Asiens den wirtschaftlichen Strukturwandel massiv beschleunigte. Zeitgleich erhöhte das wohlfahrtsstaatliche Gegensteuern den preistreibenden Druck von innen. In der Folge verlor die britische Industrie im globalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit und Strategien wie das Outsourcing arbeitsintensiver Produktionsschritte gewannen an Attraktivität. Mit dem Machtwechsel zu Margaret Thatcher 1979 habe sich dieser Wandel dann, so Hall, stark verschärft. Denn die Wirtschaftspolitik der ersten Premierministerin Großbritanniens konzentrierte sich auf „marktorientierte“ Reformen: Deregulierung, großflächige Privatisierung, Schließungen unrentabler Staatsbetriebe. Der Strukturwandel sollte nicht aufgehalten oder moderiert werden, sondern geradezu entfesselt werden, so das Credo. Dass ihre neoliberale Reformen zu Massenentlassungen und zur Prekarisierung ganzer Regionen führten, habe die „Iron Lady“ dabei willentlich in Kauf genommen. Denn mit dem Niedergang der klassischen Schwerindustrien ging ein dramatischer Bedeutungsverlust der klassischen Arbeiterschaft einher – und damit der Stammwählerschaft der oppositionellen Labour Party. Für die Arbeiterschaft bedeutete der Niedergang der traditionellen Industrie nun nicht mehr nur den Verlust eines Arbeitsplatzes, sondern in der Regel auch den Verlust ihrer sozialen Welt samt aller Gewissheiten, von Klassenzugehörigkeit und -bewusstsein geprägter Identität.

Dynamik der Kulturkämpfe

Dass in dieser „spätkapitalistischen“ Situation ökonomische Konflikte häufig in den Schatten neuer kultureller Konflikte gestellt wurden, darin sah Hall ein Musterbeispiel für „cultural wars“. Diese seien aber nicht nur ein Nebenprodukt ökonomischer Konflikte, sondern eine zentrale Methode, mit welcher der Kapitalismus bzw. die ihm zugehörige Elite die Legitimität der wirtschaftlichen Ordnung zu stärken versuche. So würden beispielsweise rassistische Diskurse dazu dienen, soziale Spannungen, die durch ökonomische Probleme wie Prekarisierung entstehen, zu verschleiern (Hall et al., 2017, S. 275). Als Beispiel dafür führte Hall an, wie die Medien kriminelle Handlungen migrantischer Jugendlicher überproportional häufig skandalisierten und der Staat diese dann mit besonderer Härte verfolgte. Konkrete Anschauung lieferten ihm Unruhen in Handsworth im Septembers 1985, die später als „The Handsworth Mugging Case“ bekannt wurden. In dem Stadtteil Birminghams stellten schwarze Migranten aus der Karibik die Bevölkerungsmehrheit, die von der zunehmenden Prekarisierung besonders stark betroffen war. In den Medien galten die Ausschreitungen dann aber als Beleg für eine angeblich inhärente Kriminalitäts- und Gefährdungsbereitschaft migrantischer Jugendlicher. Die dramatische Inszenierung verstärkte die bereits bestehenden Vorurteile nicht nur, sondern erzeugten auch eine Atmosphäre der Angst. Diese werde nun gezielt von politischen Akteuren instrumentalisiert, so Hall, um restriktive Sicherheitsmaßnahmen und einen Rückzug vom Wohlfahrtsstaat zu legitimieren. Die eigentlichen ökonomischen Ursachen und strukturellen Probleme rückten dagegen in den Hintergrund. Das Beispiel aus Birmingham zog Hall also heran, um zu verdeutlichen, wie Migration zu einem Sündenbock für viele Probleme gemacht wurde und dazu diente, von den „tatsächlichen“ Ursachen der Jugendkriminalität – laut Hall die Erosion des Wohlfahrtsstaates, Massenarbeitslosigkeit und Thatchers Politik – abzulenken.

Identitäten als Stabilitätsanker und dynamischer Schauplatz

Stuart Hall und seine Mitstreiter beschäftigten sich allerdings nicht nur wissenschaftlich mit „Kulturkämpfen“. Ihre Auseinandersetzung mit Identitätsfragen hatte immer auch eine aktivistische Seite. Identität sei nämlich nicht nur ein ideeller Stabilitätsanker des Kapitalismus, sondern könne genauso auch ein zentraler Ansatzpunkt für progressive gesellschaftliche Veränderung sein. Anders als die Frankfurter Schule, die sich vor allem mit der Analyse der Kulturindustrie und ideologischen Verblendungszusammenhängen im Überbau befasste, verstand Hall und seine Schüler am CCCS Identitäten als einen dynamischen Schauplatz, an dem gesellschaftliche Ungleichheiten und Machtstrukturen sichtbar gemacht werden konnten. Er argumentierte, dass eine gerechtere Gesellschaft nur dann möglich sei, wenn man die Ungleichheit stabilisierenden Narrative – die im kapitalistischen System oft die tatsächlichen Ursachen sozialer Probleme verschleierten – gezielt hinterfragt und transformiert.

Diese neue Form politischen Kampfes passte dabei in die Zeit: Die Politisierung kultureller Konflikte eröffnete politischen Akteuren neue Mobilisierungsräume in einer Welt sich auflösender, unübersichtlich werdender Klassenlinien. Im Anschluss an Halls Analysen argumentierte die Historikerin Almuth Ebke, dass Identitätsfragen sogar zunehmend zum zentralen politischen Werkzeug vieler Aktivisten wurde. Ein erster wichtiger Schauplatz waren dabei die Unabhängigkeitskämpfe in Schottland und Irland. Aktivisten appellierten hier an nationale Identitäten, um gesellschaftliche Unsicherheiten zu kanalisieren und ihre politische Agenda voranzutreiben. Gleichzeitig traten in Großbritannien in den 1980er Jahren rassistische Diskurse in den Vordergrund, die breite Bevölkerungskreise unabhängig von traditionellen ökonomischen Statusmerkmalen anzusprechen vermochten (Ebke 2019, S. 89).

Schluss

Seit den achtziger Jahren prägte der Thatcherismus das politische Klima Großbritanniens maßgeblich. Stuart Hall prägte diesen Begriff und kritisierte Thatchers Politik als ein ideologisches Projekt, das durch neoliberale Wirtschaftsreformen gezielt institutionalisierte Solidarität – etwa in Form von Gewerkschaften – zerschlug und dadurch tiefgreifende soziale und ökonomische Ungleichheiten verstärkte. Diese Entwicklung begleitete schwere kulturelle Konflikte, wie sie etwa in den Unruhen in Birmingham sichtbar wurden. Für Hall und seine Schüler gewannen in diesem Kontext Kategorien wie „Race“, Ethnizität und nationale Identitäten besonders deshalb politische Bedeutung, weil sie als emotionaler Kitt politischer Mobilisierung genutzt werden konnten, die traditionelle Klassenlinien überwand. Diese „cultural wars“ verdeckten die eigentlichen strukturell-ökonomischen Widersprüche. Hall und seine Mitstreiter machten diese Einsichten auch für ihre eigene politische Betätigung fruchtbar. Über diesem identitätspolitischen Aktivismus geriet der systematische Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Kulturkämpfen, der in Birmingham in den 1970er und 1980er Jahren analytisch untersucht worden war, allerdings zusehends in den Hintergrund.

 

Literatur

Becker, Lia / Candeias, Mario / Niggemann, Janek / Steckner, Anne (Hrsg.) (2019), Gramsci lesen. Einstiege in die Gefängnishefte. Hamburg.

Ebke, Almuth (2019), Britishness. Die Debatte über nationale Identität in Großbritannien, 1967 bis 2008. Tübingen.

Hall, Stuart / Critcher, Chas / Jefferson, Tony / Clarke, John / Roberts, Brian. (2017). Policing the Crisis: Mugging, the State and Law and Order. London.