
Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.
Glossar der Kapitalismuskritik
Kathedersozialisten
von Gina-Loreen Kauertz
Die Kathedersozialisten bildeten eine Gruppe von Ökonomen und Gelehrten, die sich in den 1860er Jahren mit den sozialen Herausforderungen der entstehenden Industriegesellschaft zu befassen begann. In einer Zeit, die stark vom Liberalismus geprägt war, nahmen sie anfangs eine Außenseiterrolle ein. Die Kritik der frühen Kathedersozialisten richtete sich gegen einen „manchesterlichen“ Kapitalismus, der von staatlichen Eingriffen weitgehend frei war und kaum sozialpolitische Reparaturmaßnahmen kannte. Aber es ging ihnen nicht nur um Armut und „Soziale Frage“. Gustav Schmoller und Adolph Wagner waren auch der Überzeugung, dass ein unregulierter Kapitalismus zwangsläufig zu einer immer größeren Einkommensungleichheit führen werde, so dass gerade die Mittelschichten unter Druck geraten würden (Raico, 1999, S. 193).
Sie kritisierten also nicht das kapitalistische System im Ganzen, sondern plädierten für Reformen, um seine negativen sozialen Folgen abzufedern. Entsprechend gelten sie als wichtige Inspirationsquelle für Bismarcks Sozialversicherungsgesetzgebung (Raico, 1999, S. 185). Aber auch danach blieb es ihr Anliegen, eine Begeisterung für staatliche Eingriffe zu fördern, um die gesellschaftlichen Probleme des kapitalistischen Modernisierungsprozesses zu lösen. Die Form ihrer Kritik war dabei selbst Teil dieser Modernisierung, weil sie ihre politischen Forderungen zum einen durch empirische wissenschaftliche Studien untermauerten (Raico, 1999, S. 188). Zum anderen zielten die Veröffentlichungen und Tagungen des Vereins für Socialpolitik immer auch auf Ministerialbeamte, Abgeordnete und Politiker sowie auf das Interesse von Journalisten und einer gebildeten bürgerlichen Öffentlichkeit.
Max Weber 1894 als 30jähriger,
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Max Weber und die Lage der ostelbischen Landarbeiter
Beispielhaft ist diese Vorgehensweise 1892 zu beobachten, als der Verein für Socialpolitik den jungen Max Weber mit einer Studie über die Lage der ostelbischen Landarbeiter beauftragte. Qualifiziert war Weber durch seine zuvor veröffentlichte Habilitationsschrift über das römische Agrarwesen (Hübinger, 2019, S. 45). Dabei hatte er gezeigt, dass er mit den methodischen und theoretischen Grundlagen vertraut war, um wirtschaftliche und soziale Strukturen systematisch zu analysieren (Kaesler, 2014, S. 340). Die Landarbeiterstudie war politisch brisant, da sich die Landwirtschaft des Kaiserreichs seit den 1870er Jahren in einer Dauerkrise befand. Preisverfall, Arbeitermangel und die Abwanderung von Arbeitskräften führten zu Problemen, die nicht nur ökonomischer, sondern auch gesellschaftspolitischer Natur waren (Müller/Sigmund, 2014, S. 179).
In den Gebieten östlich der Elbe zeigte sich diese Entwicklung besonders drastisch. Bereits in den 1860er Jahren waren von dort viele Landarbeiter abgewandert, teils in den industriellen Westen, teils nach Übersee. Verstärkte Immigration glich dies teilweise aus, besonders von polnischsprachigen, katholischen Landarbeitern, die sowohl aus Russland („Kongresspolen“), als auch aus Österreich-Ungarn und dort vor allem aus Galizien stammten (Fitzi, 2008, S. 27). Diese Zuwanderung führte jedoch zu politischen Spannungen. Großgrundbesitzer zögerten, in moderne Maschinen und Geräte zu investieren, da sie sich weiterhin auf günstige Arbeitskräfte stützen wollten. Gleichzeitig lehnten sie aber steigende Löhne ab, die durch den Arbeitskräftemangel unausweichlich wurden. Eine zunächst verfolgte ,,Kolonisierungspolitik“ strebte eine Schließung der östlichen Grenzen an, wurde jedoch 1890 zugunsten der Interessen der Großgrundbesitzer revidiert. Diese staatlichen Interventionen, zu denen neben der Grenzöffnung auch Schutzzölle zählten, waren zwischen den Parteien höchst umstritten (Weber-Handbuch, S. 179).
Weber analysierte nicht nur die ökonomischen, sondern auch die sozialen und kulturellen Auswirkungen des Strukturwandels. Eine seiner zentralen Thesen lautete, dass die traditionellen, patriarchalisch geprägten Arbeitsverhältnisse zunehmend durch eine fortschreitende Kapitalisierung verdrängt würden (Müller/Sigmund, 2014, S. 180). Dieser Wandel führe unweigerlich zur ,,Proletarisierung der Landarbeiter“, was sie zu ,, Klassengegnern des Großgrundbesitzes“ mache (Fitzi, 2008, S. 29). In seinen Analysen zeigte Weber, wie sich das vormals auf gegenseitigem Nutzen basierende Herrschaftsverhältnis zwischen Landarbeitern und Gutsherren in ein antagonistisch geprägtes Klassenverhältnis verwandelte (Müller/Sigmund, 2014, S. 180). Letztlich entwickelten sich Landarbeiter und Gutsherren durch die Rationalisierung des Arbeitsverhältnisses und die damit einhergehenden kulturellen Umwälzungen zu wirtschaftlichen Konkurrenten (Kaesler, 2014, S. 355).
Weber plädierte für eine erneute Schließung der östlichen Grenzen, um sowohl die Abwanderung deutscher Arbeiter zu begrenzen als auch die Immigration polnischer Wanderarbeiter zu beenden (Fitzi 2008, S.29). Allerdings ist fraglich, ob diese Maßnahme die gewünschten Effekte erzielt hätte, da viele deutsche Landarbeiter innerhalb Preußens abwanderten, ohne dass dafür ein Grenzübertritt nötig gewesen wäre. Weber sah die Abwanderung der deutschen Landarbeiter in die Städte als Ausdruck eines „psychologischen Zaubers der Freiheit“ und hielt dies für einen unaufhaltsamen ,,Zug der modernen Welt“ (Weber, 1892, S. 970). Dieser sei das Resultat eines tiefgreifenden Wandels in den psychologischen und gesellschaftlichen Vorstellungen der Landbevölkerung (Weber, 1892, S. 970).
Aus Webers Sicht war vor allem der Staat gefragt, und zwar müsse er die Modernisierung der Landwirtschaft von der Kapitalseite her vorantreiben. Er argumentierte, dass ein großer Teil des ostelbischen Großgrundbesitzes verstaatlicht werden sollte: ,,Nur die thörichte Angst vor dem Gedanken einer Expropriation ist es, die weite Kreise verhindert zu sagen, was im Stillen doch jeder denkt: Ein großer Theil des Großgrundbesitzes im Osten ist in privaten Händen nicht haltbar. Man möge, nicht überstürzt, aber systematisch und allmählich, aus dafür zu gewährenden Etatsmitteln diesen Theil aufkaufen und in Domänen verwandeln, welche an kapitalkräftige Domänenpächter unter Gewährung von staatlichen Meliorationsdarlehen verpachtet werden. So wird dem Domänenbestand auf der einen Seite hinzugefügt, was ihm auf der andern genommen wird, und auf die Dauer werden sich die finanziellen Interessen des Staats dabei günstig stehen“ (Weber, 1894, S. 473). Staatsbesitz und Verpachtung an kapitalkräftige Agrarunternehmer – mit diesem Lösungsansatz unterschied Weber sich sowohl von der konservativen Agrarpolitik der mächtigen Großgrundbesitzer als auch vom liberalen Zutrauen in den Marktmechanismus.
Politischer Kontext
Wenn sich der Verein für Socialpolitik als wissenschaftliches Forum verstand, das die sozialpolitische Ausrichtung des Kaiserreichs durch empirische Studien und fundierte Argumentation beeinflussen wollte (Kaesler, 2014, S. 348-349), passten Webers weitreichende Umgestaltungsideen zu dessen Gesamtlinie. Schon mit der Krönung Wilhelms II. schien eine neue Zeit anzubrechen, und die Nichtverlängerung des Sozialistengesetzes schien dies 1890 ebenso zu unterstreichen wie Bismarcks Rücktritt oder die Wahl des Nationalökonomen Gustav Schmoller zum Vorsitzenden des Vereins für Socialpolitik. Dessen Mitglieder hofften, künftig stärkeren Einfluss auf die politische Gestaltung des Kaiserreichs nehmen zu können (Fitzi, 2008, S. 27). Mit seiner empirisch fundierten Forschung und der engen Verbindung zu politischen Entscheidungsträgern avancierte der Verein für Socialpolitik zu einer der einflussreichsten Institutionen für staatsorientierte Reformen in Deutschland (Raico, 1999, S.181-182). Im wissenschaftlichen Arbeiten der Kathedersozialisten und insbesondere in Webers empirischer Studie zur ostelbischen Agrarkrise zeigt sich, wie sozialwissenschaftliche Forschung genutzt wurde, um politische Reformansätze zu legitimieren. Die wachsende soziale Ungleichheit wurde nicht als Argument für eine Abschaffung des Kapitalismus verstanden, sondern als Herausforderung, die durch eine Anpassung wirtschaftlicher Strukturen bewältigt werden sollte. Webers Studie liefert damit ein Beispiel für eine reformorientierte Kapitalismuskritik, die sich im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Modernisierung und staatlicher Steuerung bewegte.
Literatur
Fitzi, Gregor (2008): Max Weber, Frankfurt am Main.
Hübinger, Gangolf (2019): Max Weber. Stationen und Impulse einer intellektuellen Biographie, Tübingen.
Kaesler, Dirk (2014): Max Weber. Preuße, Denker, Muttersohn, München.
Müller, Hans-Peter/Sigmund, Steffan (Hrsg.) (2014): Max Weber-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung, Stuttgart.
Raico, Ralph (1999): Die Partei der Freiheit. Studien zur Geschichte des deutschen Liberalismus, Stuttgart.
Weber, Max (1984): Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland 1892. Herausgegeben und eingeleitet von Martin Riesebrodt. Max Weber-Gesamtausgabe, Band Ⅰ/3,2, Tübingen.
Weber Max (1894): Entwicklungstendenzen in der Lage der ostelbischen Landarbeiter, Berlin.