Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.

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Glossar der Kapitalismuskritik

Glossar der Kapitalismuskritik. Zu einem geschichtswissenschaftlichen Lehrforschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen

von Tim Schanetzky

Das Seminar hatte zwei Ausgangsüberlegungen. Zunächst fällt auf, wie präsent der Kapitalismusbegriff in der politisch-wissenschaftlichen Sprache zuletzt wieder geworden ist. Was die Geschichtsschreibung angeht, hat dies zum einen mit einer Verschiebung des Blickwinkels auf globalgeschichtliche Zusammenhänge zu tun. Mit diesem Interesse an den Formen und Stadien einer globalen Ökonomie und der empirischen Erforschung von Ungleichheit im Maßstab der Imperien erlebte auch der Kapitalismusbegriff eine Renaissance. Diese Entwicklung beschleunigte sich noch mit der globalen Finanzkrise von 2008 und ihren Folgeerscheinungen, wie die Auswertung per Google Ngram Viewer exemplarisch zeigt.

Worthäufigkeit “Capitalism” nach Google Ngram Viewer,

Kapitalismusgeschichte in der Hochschullehre

Spätestens jetzt wurde der Kapitalismus wieder zu einem umkämpften Konzept, das attackiert und für Missstände verantwortlich gemacht oder gerade gegen solche Formen der Kritik in Schutz genommen wurde – auch in der Geschichtsschreibung über den Kapitalismus. Dies war bereits Thema eines Hauptseminars an der Universität Duisburg-Essen im Sommersemester 2024 („Kapitalismusgeschichte schreiben“), an das sich ein weiteres Seminar im Wintersemester 2025/26 anschloss, das den Blick nunmehr auf die Formen und Praktiken der Kapitalismuskritik richtete.

Beide Lehrveranstaltungen waren unabhängig voneinander, wenngleich es einige Teilnehmer gab, die beide Seminare absolvierten. Ausgangspunkt des Lehrforschungsprojekts, und das ist der zweite Punkt, war die Beobachtung, dass studentische Hausarbeiten üblicherweise für sich allein stehen; dass kritisches Feedback bei solchen Prüfungsleistungen nicht in praktische Weiterarbeit am Text mündet und somit das eigenständige wie das gemeinschaftliche Erarbeiten eines Themas häufig zu kurz kommen und schließlich: dass nicht für eine Öffentlichkeit geschrieben wird.

Ausgehend von diesen Gesichtspunkten habe ich der Seminargruppe die Idee eines Lehrforschungsprojekts präsentiert, dessen Offenheit immer herausgestellt wurde: Praktische Erfahrungen gab es damit noch nicht, und die gemeinsame Entwicklung der Vorgehensweise sollte gerade Teil des Lernprozesses sein. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern stand immer frei, ob sie sich am Ende in herkömmlicher Weise (also durch mündliche Prüfung oder eine Hausarbeit) prüfen lassen wollten, während die Mitwirkung am Glossar im Sinne eines Portfolios bewertet wird. In die Anfertigung veröffentlichungsfähiger Beiträge floss – verglichen mit typischen Hausarbeiten – deutlich mehr Zeit- und Arbeitsaufwand. 

Seminarablauf

Die ersten fünf Seminarsitzungen waren zunächst als konventionelle Erarbeitung des Rahmenthemas konzipiert. Sie basierten jeweils auf gemeinsamer Lektüre von fachwissenschaftlichen Texten. Sie dienten dazu, den Kapitalismus-Begriff zu problematisieren, historische Epochen der Kapitalismuskritik zu identifizieren und die Zeitgebundenheit der Kritik zu veranschaulichen. Eine Theoriesitzung widmete sich anhand der klassischen Interpretation von Boltanski/Chiapello der Frage, wieweit es gerade ein systemisches Phänomen des Kapitalismus ist, dass er sich als adaptionsfähig erweist und Aspekte der Kritik immer wieder inkorporiert. Schließlich wurde ausgehend von einer konkreten Quelle und der zu deren Verständnis nötigen Sekundärliteratur beispielhaft erarbeitet, wie eine historisch-empirische Analyse von Praktiken der Kapitalismuskritik konkret vorgehen könne.

An diese Arbeitsphase schlossen sich zwei Sitzungen an, in denen wir die Ordnungsprinzipien der Texte und unsere weitere organisatorische Vorgehensweise gemeinsam erarbeitet haben. Dieser Klärungsprozess begann mit einer Reflexion über die „imaginierten Leser“ des Glossars, die wir uns als „gebildetes Publikum“ vorstellten, das mit Texten anzusprechen sei, die zwar auf dem akademischen Forschungsstand basieren, aber immer auch für Laien zugänglich sein sollten. Daraus folgte ein Verzicht auf genaueste Literaturnachweise, sondern eine Reduzierung auf den Nachweis direkter Zitate per Kurzzitierweise im Text. Auch sollten die Literaturlisten knapp gehalten werden.

Lexikalische Vollständigkeit im Sinne eines Konkurrenzprodukts zur Wikipedia sollte also von vornherein nicht das Ziel sein, sondern die Beiträge verstehen sich als historische Miniaturen und können Ideen und Werke ebenso behandeln wie Akteure oder Praktiken der Kapitalismuskritik. Den Zeitraum legten wir auf die Phase des „modernen Kapitalismus“ (ca. 1810 bis 2000). Weitere Vorfestlegungen: Bei der Verwendung gendergerechter Schreibweisen strebten wir keine Einheitlichkeit an, sondern stellten diese ins individuelle Ermessen. Die Verwendung von KI-Hilfsmitteln kam nur für redaktionelle Arbeiten in Frage. Auch ging es hier darum, ein Problembewusstsein für die juristische Dimension einer Veröffentlichung zu schaffen – für urheberrechtliche wie persönlichkeitsrechtliche Fragen, die üblicherweise zum Bestandteil der Journalistenausbildung zählen, an der Universität aber kaum thematisiert werden (müssen). Die Ergebnisse dieser Diskussion flossen in ein Stylesheet nebst Autorenguidelines ein.

Redaktion und Veröffentlichung

Auf dieser Grundlage präsentierte ich anschließend eine Liste mit Themen- und Literaturvorschlägen, die ich jeweils kurz erläuterte. Sie diente vor allem dazu, praktische Anregungen zu geben. Eine Reihe von Studierenden hat demgegenüber eigene Ideen verfolgt und diese im Rahmen des Glossars auch erfolgreich umgesetzt. Bis zur endgültigen Themenvergabe in der Woche darauf sollte ausreichend Zeit bleiben, um sich mit den Möglichkeiten und Interessen vertraut zu machen. Nach der Themenvergabe war dann eine weitere Woche Zeit für die individuelle Einarbeitung. Die nächste Seminarsitzung entfiel zugunsten individueller Beratungsgespräche, die insgesamt etwa vier Stunden in Anspruch nahmen. Auch in der Woche darauf gab es ein solches Beratungsangebot, um den Schreibprozess zu begleiten und bei Rückfragen Unterstützung (Eingrenzung der Themen, Literaturauswahl) anzubieten. Zum Ende der Weihnachtspause reichten die Studierenden ihre ersten 30 Textentwürfe ein, die ich dann bis zur ersten Feedback-Sitzung am Mittwoch darauf je individuell mit Anmerkungen und Kommentaren versehen habe. Daran schloss sich ein Feedback-Plenum an, und es folgten ein bis zwei weitere Überarbeitungsrunden, in denen am konkreten Textentwurf weitergearbeitet wurde. Bei der zweiten Überarbeitungsrunde wurde ich von Flemming Falz, einem Promovierenden, unterstützt. Er übernahm auch die Umsetzung der ersten Texte für den Webauftritt „Krise der Kritik“.

Erfahrung und Bewertung 

Die Erfahrungen mit diesem Projekt sind ambivalent. Nimmt man die Rückmeldung der Studierenden zum Maßstab – im Rahmen der anonymisierten Lehrveranstaltungsevaluation, aber auch im persönlichen Gespräch sowie in der Kommunikation rund um die redaktionelle Bearbeitung – überwiegen positive Eindrücke. Immer wieder wurde hervorgehoben, dass sich besonders das Weiterarbeiten an den einmal eingereichten Texten von den üblichen Formaten unterscheide. Nach meinem Eindruck haben viele Kommilitoninnen und Kommilitonen erstmals überhaupt mit „Änderungen hervorheben“ in MS Word gearbeitet. Ambivalenter fällt das Feedback schon hinsichtlich des nötigen Zeit- und Arbeitsaufwandes aus. Zwar habe ich schon in den Auftaktsitzungen angekündigt, dass dieser Aufwand deutlich über demjenigen liegen werde, der für eine durchschnittliche Hausarbeit aufgewendet werden muss. Dies hat sich in der Praxis genauso auch bestätigt, wurde aber nicht immer positiv vermerkt. Unsicherheiten ergeben sich bei einigen Studierenden vor allem aus der Tatsache, dass auch in diesem Arbeitsformat am Ende eine Leistungsbewertung stehen muss, ein derartiges Vorhaben aber nur mit Mühe in die ECTS-Punkte-Logik eingepasst werden kann. Auch lag es in der Natur der Sache, dass bereits während des laufenden Semesterbetriebes – und auch während der Vorlesungsunterbrechung über Weihnachten und Silvester – an den Glossarbeiträgen gearbeitet werden musste, was zwar vorab bekannt war, mitunter aber als unglücklich empfunden wurde.

Aus meiner Perspektive des Lehrenden sind ebenfalls ambivalente Erfahrungen festzuhalten. Das beginnt mit der Tatsache, dass der Zeitaufwand im Zusammenhang mit der Beratungs- und Betreuungstätigkeit, beim Feedback auf die Textentwürfe und schließlich bei ihrer redaktionellen Überarbeitung bis hin zur Umsetzung auf der Projekthomepage weit mehr Zeit in Anspruch nahm als üblicherweise für wöchentliche Seminarsitzungen und abschließend für die Korrektur und Bewertung von Hausarbeiten angefallen wäre. Schaut man auf die Inhalte, hat die größere Verbindlichkeit enger Zeit- und Terminabsprachen und auch die Publikation der Ergebnisse offenbar motivierende Funktionen für viele, aber nicht für alle Studierende. Zugleich treten Unterschiede der Leistungsfähigkeit ebenso wie solche der Leistungsbereitschaft im Zusammenhang eines solchen Projekts deutlicher hervor als in konventionellen Seminarformaten. Hervorzuheben sind hier nicht so sehr die Beiträge, die mit nur wenigen Überarbeitungen publiziert werden konnten, sondern solche, wo im Rahmen der redaktionellen Bearbeitung deutliche Sprünge in der Qualität und in der dahinterstehenden Anstrengung zu beobachten waren. Zum Gesamtbild gehört aber auch, dass es nicht in jedem Fall bis zur fertigen Veröffentlichung gereicht hat und die Arbeit an einigen Beiträgen schließlich abgebrochen wurde. Mindeststandards zu formulieren, an denen man auch scheitern kann, und dabei offenes Feedback zu geben - das erscheint mir in der Hochschullehre generell nötig. Am Ende hat die Möglichkeit, je individuell zu einem Gesamtprojekt beizutragen und während des Studiums zu einer Veröffentlichung zu gelangen, aber fast alle Beteiligten besonders motiviert.