Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.

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Glossar der Kapitalismuskritik

Lenins Imperalismustheorie

von Philipp Schwabe

Wenn es nach Lenin im Jahr 1916 ging, stand der Imperialismus für das Endstadium des Kapitalismus, wobei zwischen einem altem und einem „neuen Kapitalismus“ zu unterscheiden war. Der im 19. Jahrhundert vorherrschende alte Kapitalismus habe sich durch eine Marktstruktur ausgezeichnet, für die freier Wettbewerb prägend gewesen war. Mit dem Übergang ins 20. Jahrhundert habe sich jedoch ein neuer Kapitalismus entwickelt, bei dem die wichtigste und prägende Eigenschaft des alten Kapitalismus – der freie Markt – weitgehend aufgehoben worden sei. Damit wandelten sich Grundsätze des Kapitalismus im Verlauf seiner Entwicklung ins Gegenteil, denn „die freie Konkurrenz ist das Wesensmerkmal der kapitalistischen und der Warenproduktion überhaupt; das Monopol ist der direkte Gegensatz zur freien Konkurrenz“ (Lenin, 1916, S. 269). Als weiteres Merkmal des hochentwickelten Kapitalismus beschrieb er die Möglichkeit, mehrere Industriezweige in einem Unternehmen zusammenzufassen. Lenin unterschied zwei Formen: Zum einen können Industriezweige aufeinander aufbauen, wie Lenin am Beispiel der Eisenverarbeitung zeigte. Die gesamte Wertschöpfung, vom Rohstoffabbau bis hin zur Verarbeitung zu Fertigprodukten, fand vertikal innerhalb eines Konzerns statt. Zum anderen können verschiedene Industriezweige übernommen werden, die in der Hauptproduktion dann Hilfsfunktionen erfüllen. Horizontale und vertikale Konzernintegration ließen sich miteinander kombinieren, was Gewinne steigerte und Wettbewerber aus dem Markt drängte.

Konzern-Organigramm der imperialen Metallgesellschaft,
Skizze Lenins aus dem ersten Heft zum Imperialismus,
aus Damler, 2016, S. 181..

Rolle der Banken

In der Entwicklung des Kapitalismus nahmen laut Lenin die Banken eine entscheidende Rolle ein. Während im neuen Kapitalismus riesige Konzerne entstanden, die zu Monopolen heranwuchsen, galt dies ebenso für die Banken. Lenin war überzeugt, dass mit der Zeit nur noch wenige, dafür aber umso größere Banken die zentralen Positionen einnehmen würden. Diese Banken konzentrierten alle Kapitalflüsse auf sich: von Kleinunternehmern und sparsamen Arbeitern bis hin zu den industriellen Monopolen – früher oder später lief sämtliches Geld bei den Großbanken zusammen. Im höchstentwickelten Kapitalismus erfolgte die Verteilung des Kapitals keineswegs frei, weil die Großkonzerne eng mit den Banken kooperierten. Der Finanzfluss passte sich also den Interessen des größten und monopolistischen Kapitals an, „das unter Verhältnissen operiert, wo die Masse der Bevölkerung ein Hungerdasein fristet“ (Lenin, 1916, S. 220).

In den Banken sah Lenin eine wichtige Steuerungsinstanz, die durch die Macht, Kredite zu gewähren oder zu verweigern, Entscheidungsprozesse effektiv lenkte. Entsprechend konstatierte er auch eine enge Verschmelzung von Bank- und Industriekapital: Bankiers wurden in die Aufsichtsräte von Industriekonzernen berufen, während Industrielle entsprechende Positionen bei den Banken übernahmen. Lenin sprach von einer Finanzoligarchie und unterschied Geldkapital vom produktiven Kapital. Dem entsprach die von ihm scharf kritisierte Klasse von „Rentnern, Personen, die von der Beteiligung an irgendeinem Unternehmen völlig losgelöst sind, Personen, deren Beruf der Müßiggang ist“ (Lenin, 1916, S. 281). Die Trennung des Kapitaleigentums von der unternehmerisch produktiven Anwendung war laut Lenin zwar schon immer eine grundlegende Eigenschaft des Kapitalismus. Mit der Herrschaft des Finanzkapitals werde jedoch diese Form des Kapitals alle anderen Formen dominieren. Dieselbe Logik übertrug Lenin auch auf die Staatssphäre: Eine Handvoll weitentwickelter Staaten mache die übrige Welt zu Schuldnern und unterwerfe sie. Laut Lenins Angaben verfügten die vier reichsten Staaten des Jahres 1910 – Deutschland, Großbritannien, Frankreich und die USA – über 80 Prozent des globalen Finanzkapitals, wobei unklar bleibt, auf welche Quellen er sich stützte.

Export des Kapitals und Entstehung des Imperialismus

Lenin unterschied zwei Bedeutungen des Imperialismus. Zum einen bestand der Imperialismus für ihn aus kapitalistischen Praktiken, deren deutlichste Ausprägungen Monopole und Konzerne waren. Zum anderen beschrieb er mit dem Imperialismusbegriff „eine bestimmte Politik dieses „imperialistischen“ Kapitalismus, nämlich die koloniale Besitznahme weniger entwickelter Länder in Übersee“ (Damler, 2016, S. 184). In den wenigen hochkapitalistischen Nationen kam es laut Lenin durch die Monopolisierung zu einer Akkumulation des Kapitals und infolgedessen zu einem Kapitalüberschuss, der auf der Suche nach Verwendungsmöglichkeiten ins Ausland drängte. Gerade diese Diagnose begründete Lenins Kapitalismuskritik: Der industrielle Kapitalüberschuss wurde exportiert, obwohl große Teile der Bevölkerung „bettelarm“ lebten. Diese Diagnose passte nicht recht zur Verdopplung der Realeinkommen in Deutschland in den dreißig Jahren vor 1914, aber Ungleichheit galt Lenin eben als die eigentliche Grundlage von Kapitalismus und Imperialismus. Besonders profitabel sei deshalb der Export von Finanzkapital in rückständige Staaten mit Kapitalknappheit, Rohstoffreichtum und niedrigen Löhnen gewesen. Diese Expansion der Konzerne führte zur Bildung internationaler Abkommen und globaler Kartelle.

Fünf zentrale ökonomische Merkmale bestimmten nach Lenin den Imperialismus: Erstens erreichte dort die Konzentration der Produktion ihr höchstes Stadium; Monopole dominierten den Markt. Zweitens entstand die Finanzoligarchie durch eine Verschmelzung von Industrie- und Finanzkapital. Drittens dominierte der Kapitalexport den Export von Waren. Viertens bildeten sich monopolistische Zusammenschlüsse auch im internationalen Maßstab. Schließlich, fünftens, wurde die globale Aufteilung der Welt unter den kapitalistischen Großmächten abgeschlossen.

Lenins Imperialismustheorie als Kapitalismuskritik

Lenins Imperialismustheorie war in ihrer Zeitdiagnose und Kapitalismuskritik in mehrfacher Hinsicht prägnant und wirkmächtig. Seine Analyse des Übergangs vom alten, freien Wettbewerb zum neuen Monopolkapitalismus griff ökonomische Entwicklungen teils nur oberflächlich auf. Dabei benannte er die Rolle der Banken, die Entstehung von Monopolen und den Kapitalexport als Schlüsselelemente des neuen Kapitalismus. Dass es ihm weniger um eine empirische Fundierung, mehr aber um ein politisches Ideengebäude ging, verdeutlicht eine Reihe von Widersprüchen.

In Erklärungsnot geriet Lenin schon durch die Wahl des Imperialismus-Begriffs, denn „Lenin übertrug durch diese Gleichsetzung zwangsläufig auch eine Reihe von Wertungen und Annahmen aus der (geo-)politischen Sphäre auf ökonomische Zusammenhänge, obwohl die Zusammenhänge nur bedingt vergleichbar waren“ (Damler, 2016, S. 185). Auch sprach Lenin von einem Netz aus Banken, welche „das ganze Land überziehen, sämtliche Kapitalien und Geldeinkünfte zentralisieren und Tausende und Abertausende von zersplitterten Wirtschaften in eine einzige gesamtnationale kapitalistische Wirtschaft und schließlich in die kapitalistische Weltwirtschaft verwandeln“ (Lenin, 1916, S. 217). Wie aber sollte angesichts solcher Verflechtungen dann ein Konflikt wie der Erste Weltkrieg erklärt werden, der ja laut Lenin eine unmittelbare Folge des Imperialismus war? Dieses Problem erkannte Lenin zwar selbst, wischte es aber als „abstrakt“ vom Tisch. Auch trafen seine Vorstellung von den imperialen Direktinvestitionen so wenig die wirtschaftliche Realität der Kolonialreiche wie die Diagnose der massenhaften Verelendung zur mitteleuropäischen Wirklichkeit am Vorabend des Ersten Weltkrieges passte.

Dennoch war seine Theorie, nicht zuletzt auch durch ihre Zuspitzungen, von großer Wirkung: Sie diente als ideologische Grundlage für sozialistische Bewegungen und Revolutionen. Sie zielten gerade auf Mobilisierung und hielten sich nicht lange mit der Abwägung von Reformideen auf. So bleiben Lenins Ideen ein bedeutendes Beispiel für eine radikale Kritik des Kapitalismus. Schon im Sommer 1917 flossen diese Ideen in Russland in den Aufbau einer radikale Systemalternative ein, und bald sollten daraus ideologische Dogmen werden.

Literatur

Damler, Daniel (2016): Konzerne Und Moderne. Die verbundene juristische Person in der visuellen Kultur 1880-1980, Frankfurt am Main.

Fischer, Ernst; Marek, Franz (1969): Was Lenin wirklich sagte, Wien-München-Zürich.

Lenin, Wladimir Iljitsch (1916): Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, in W.I. Lenin Werke, Band 22.

Noonan, Murray (2017): Marxist Theories of Imperialism. A History, London-New York.

Weber, Herrmann (1967): Lenin. Aus den Schriften 1895-1923, München.