
Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.
Glossar der Kapitalismuskritik
Republikanische Kritik an der Lohnarbeit
von Johannes Pegel
1836 kam es in Lowell, Massachusetts, zu einem der ersten großen Arbeitskämpfe in der Geschichte der USA. Die Textilarbeiterinnen in den Fabriken der Stadt machten mit Demonstrationen und Flugblättern auf unzumutbare Arbeitsbedingungen aufmerksam. Dabei prangerten sie die „wage slavery“ des Fabriksystems an. Der Streik markiert damit die erste Verwendung (Laurie 1989, S. 87) eines Ausdrucks, der in den 1870er Jahren zu einem zentralen Motiv der republikanischen Kapitalismuskritik wurde.
Versammlung der Knights of Labor im Oktober 1886, Darstellung in Frank Leslie’s Illustrated Newspaper, 16.10.1886; Valentine Museum, Richmond.
Artisan-Bewegung und „free labor“
Mit der Gleichsetzung von Lohnarbeit und Sklaverei griffen die Arbeiterinnen in Lowell ein Motiv auf, das bereits in der frühen, von selbstständigen Handwerkern (artisans) getragenen Arbeiterbewegung der 1820er Jahre verbreitet gewesen war. Am Vorabend der Industrialisierung galt Lohnarbeit neben Sklaverei und indentured servitude nur als eine unter mehreren Formen von abhängiger Arbeit. Insgesamt arbeitete nur ein Drittel aller Arbeiter nicht selbstständig – fast immer handelte es sich um prekäre Arbeitsverhältnisse (Zietlow 2017, S. 49). Auch deshalb zielte die Kritik der Artisans auf eine grundsätzliche Ablehnung ökonomischer Abhängigkeit. Grundlage der Kritik der Artisans war eine Arbeitswerttheorie, die im 19. Jahrhundert fester Bestandteil republikanischen Denkens war. So vertraten etwa auch Thomas Jefferson und Abraham Lincoln die Ansicht, dass Arbeit die Quelle allen Wohlstands sei. (Zietlow 2017, S. 62) In der Frühphase der USA war die Arbeitswerttheorie eng mit der Ablehnung aristokratischer Privilegien und der Betonung des Stellenwerts produktiver Arbeit für das Gemeinwohl verbunden. Darin spiegelte sich die republikanische Vorstellung von einem auf Freiheit und „civic virtues“ gegründeten Gemeinwesen. Der Besitz von productive property galt als Garant und Bedingung für die Ausbildung der staatsbürgerlichen Tugenden, die die Grundlage eines freien Gemeinwesens bildeten. (vgl. Forbath 1985, S. 774 f.) Freiheit im partizipativen republikanischen Sinn setzte ökonomische Unabhängigkeit voraus. Universell war dieser Freiheitsbegriff allerdings noch nicht, und so stand er für die Founding Fathers keineswegs im Widerspruch zur Sklaverei.
Der abhängigen Arbeit stellten die Artisans ein Ideal der Selbstständigkeit gegenüber, das Arbeitern durch Besitz ihrer Produktionsmittel den Status von Bürgern zusprach. Das bedeutete für ihre Forderung nach free labor: ein Arbeitsverhältnis war nicht schon dann frei, wenn es ohne Zwang zustande kam, sondern im strengen Sinne frei war Arbeit nur, wenn ein Arbeiter tatsächlich unabhängig war (Gourevitch 2015, S. 43). In der Sklaverei-Debatte brachte dies die Artisan-Bewegung in Konflikt mit dem Freiheitskonzept der Abolitionisten. Das Verbot der Sklaverei begründeten diese damit, dass Arbeiter in einen Vertrag einwilligten (und damit frei waren), während Sklaven genau dies nicht konnten (Sandel 1996, S. 181). Demgegenüber folgte aus dem republikanischen Freiheitsbegriff, dass Lohnarbeit wie Sklaverei Formen von Unfreiheit waren. Sein kapitalismuskritisches Potenzial erhielt dieser Freiheitsbegriff durch die Industrialisierung, die die Lohnarbeit zum vorherrschenden Arbeitsverhältnis machte. Dass sich die Arbeiterinnen von Lowell 1836 mit dem Begriff der wage slavery diese Sicht zu eigen machten, war ein früher Vorbote dieses Labor Republicanism.
Hochphase des Labor Republicanism
Hatte bis in die 1860er Jahre der Kampf gegen die Sklaverei die Spannung zwischen republikanischem und voluntaristischem Verständnis von free labor überdeckt, trat dieser nach dem Ende des Bürgerkriegs offen zutage. Für die Abolitionisten war mit der Abschaffung der Sklaverei das Ziel einer freien Gesellschaft erreicht. Zugleich wichen die vorindustriellen Produktionsverhältnisse einem neuen System der profitorientierten Fabrikproduktion, in dem Arbeitskraft zur Ware wurde. Die Artisan-Bewegung hatte sich mit ihrer Kritik an ökonomischer Abhängigkeit nicht durchsetzen können. 1870 waren die USA zu einer Nation von Arbeitnehmern geworden: 67 Prozent aller „productively engaged people“ wurden als abhängig beschäftigt klassifiziert. (vgl. Arnesen 2007, S. 55 f.) Entsprechend anachronistisch wirkte jetzt der Appell an die Autonomie von Produzenten.
Mit den Artisans verschwand jedoch nicht die republikanische Strömung der Kapitalismuskritik. Seit den 1870er Jahren entwickelten sich die Knights of Labor zur mächtigsten Arbeiterorganisation. Sie standen in der republikanischen Tradition, passten ihre Forderungen jedoch den Bedingungen des Industriezeitalters an. So traten sie für eine Reform des Fabriksystems durch die Gründung von Kooperativen ein und forderten die Abschaffung des Privatbesitzes. Auch nahmen die Knights erstmals Arbeiter unabhängig von Religion, Hautfarbe oder Geschlecht auf. Sie verwendeten den wage slavery-Begriff, um die Fabrikarbeit mit der Sklaverei zu vergleichen. Als Mittel der Agitation diente zugleich die Erinnerung an den Bürgerkrieg (Soliman 2014, S. 4 f.).
Die Zukunftsvision der Labor Republicans bestand jedoch nicht darin, zu vorindustriellen Formen selbstständiger Arbeit zurückzukehren. Vielmehr strebten sie die Errichtung eines „Cooperative Commonwealth“ aus Erzeuger- und Verbrauchergenossenschaften an (Gourevitch 2015, S. 104). Hier trat die Idee der kollektiven Kontrolle der Produktionsmittel als Garant ökonomischer Freiheit an die Stelle des Ideals einzelner Erzeuger, die jeweils über ihr individuelles productive property verfügten.
Niedergang des Labor Republicanism
Die republikanische Ablehnung der wage slavery, die Terence Powderly noch 1885 auf Kundgebungen der Knights of Labor propagierte (vgl. Prout 2024, S. 2), wurde ab der zweiten Hälfte der 1880er Jahre von anderen Formen der Kritik verdrängt. Der Fokus lag nun auf der Durchsetzung konkreter Reformen innerhalb der bestehenden Produktionsverhältnisse. Zwar stützten sich die Knights auch bei der Kampagne für den Acht-Stunden-Tag auf eine republikanische Argumentation (Gourevitch 2015, S. 128 ff.), insgesamt aber verschwand die Thematisierung von Arbeitsverhältnissen zunehmend hinter der praktischen Kritik an Arbeitsbedingungen. Die Haymarket Affair von 1886, bei der eine Bombenexplosion während einer Demonstration für den Acht-Stunden-Tag mehrere Zivilisten und Polizisten tötete, hatte verheerende Folgen für die Knights. Obwohl die Organisation selbst nicht für den Anschlag verantwortlich war und bemüht war, sich von radikalen Bewegungen wie dem Anarchismus zu distanzieren, wurden die Knights als größte Arbeiterorganisation der USA in der öffentlichen Wahrnehmung mit der zunehmenden Radikalisierung von Teilen der Arbeiterbewegung in Verbindung gebracht. Diese Assoziation führte zu einem Verlust an öffentlicher Unterstützung zu einem Zeitpunkt, an dem die Knights auch organisatorisch durch die Abspaltung der konservativeren American Federation of Labor im gleichen Jahr und die zunehmende Konkurrenz von Spartengewerkschaften vor großen Herausforderungen stand. Die Haymarket Affair verschärfte diese Probleme noch, da sie auch den Konkurrenten der Knights innerhalb der Arbeiterbewegung, die die Organisation in Misskredit bringen wollten, in die Hände spielte. Nach 1886 erlebten die Knights – und der Labor Republicanism, für den sie standen – einen rapiden Niedergang: Ihr Ursprung als dezentrales Netz von lokalen Geheimbünden machte sie verdächtig, als Sammelbecken für radikale revolutionäre Elemente zu fungieren; die Idee des Labor Republicanism wurde zunehmend als zu radikal und zu weit entfernt von den unmittelbaren Problemen der Arbeiter wahrgenommen.
Das schwindende kritische Potenzial des Labor Republicanism hatte verschiedene Gründe. Zum einen büßten Arbeitswerttheorien Ende des 19. Jahrhunderts an Schlagkraft ein. Dadurch verlor die Kritik an Arbeitsverhältnissen allmählich ihre Relevanz für die Überwindung sozialer Missstände. Der Labor Republicanism ging davon aus, dass die industrielle Lohnarbeit als Form ökonomischer Abhängigkeit inkompatibel mit dem Freiheitsideal sei, auf dem die konstitutionelle Ordnung der USA gründete. Das politische Establishment nahm das republikanische Verständnis von free labor, bei dem die Kritik ansetzte, jedoch immer weniger als gegeben hin. Dem neuen ökonomischen Paradigma lag eine liberale Freiheitskonzeption zugrunde. (vgl. Forbath 1985, S. 769) Die Freiheit eines Arbeiters beruhte demnach auf dem Eigentum an seiner Arbeitskraft und der Möglichkeit, diese am Markt zu verkaufen. Kapitalismuskritik musste dieses veränderte Denken aufnehmen. Der Schwerpunkt verlagerte sich auf die Rolle von Märkten bzw. deren Versagen.
Auch zu den Krisen des ausgehenden 19. Jahrhunderts passte die Kritik der Knights nicht mehr: Für das aus Arbeitslosigkeit und deflationärer Geldpolitik resultierende Leid der Arbeiter stellte eine Kritik an Arbeitsverhältnissen keine befriedigende Antwort dar. Die Populists adressierten mit ihrer Kernforderung nach einer Aufweichung des Goldstandards die akuten Probleme der Bauern und Arbeiter viel direkter – schließlich war es die Politik des „harten Geldes“, die Landwirten, Kleinunternehmen und Arbeitern am meisten schadete, da sie Kredite verteuerte und die Nachfrage senkte. Farmer und Landarbeiter litten aufgrund der niedrigen Getreidepreise und der Verteuerung ihrer Schulden am stärksten unter der Deflationspolitik, jedoch führte sie auch in den industriellen Zentren – und damit beim Kernklientel der Knights – zu Entlassungen und Lohnkürzungen. Die Forderung der Populists nach „bimetallism“ (d.h. die gleichzeitige Gold- und Silberbindung der Währung) schien eine Antwort auf das zu bieten, was viele als Ursache der ökonomischen Härten betrachteten – ein unflexibles und deflationäres Währungssystem. Der Ansatz der Populisten zielte auf umfassende marktbasierte Reformen, während die Forderung der Knights nach ökonomischer Unabhängigkeit keine greifbaren Lösungen für die unmittelbaren Probleme der Arbeiter bot.
Ebenso hatten die Labor Republicans keine konkreten Lösungen für die Ende des 19. Jahrhunderts deutlich zu Tage tretenden Probleme unregulierter Marktmacht anzubieten. Die zunehmende Konzentration ökonomischer Macht bei den Trusts erschien als eine viel größere Bedrohung für die Freiheit des Einzelnen als die Lohnarbeit. Die Veränderungen in der US-Wirtschaft rückten die Frage von robuster Antitrust-Gesetzgebung in den Mittelpunkt der Debatte um systemische Reformen. Die republikanische Tradition der Kapitalismuskritik hingegen geriet im 20. Jahrhundert in Vergessenheit.
Literatur
Arnesen, Eric (2007): American Workers and the Labor Movement in the Late Nineteenth Century, in: Charles W. Calhoun (Hg.): The Gilded Age. Perspectives on the Origins of Modern America, Lanham u.a.., S. 53-73.
Forbath, William (1985): The Ambiguities of Free Labor. Labor and the Law in the Gilded Age, in: Wis. L. Rev. 767, S. 767-817.
Gourevitch, Alex (2015): From Slavery to Cooperative Commonwealth. Labor and Republican Liberty in the Nineteenth Century, New York.
Laurie, Bruce (1989): Artisans into Workers. Labor in Nineteenth-Century America, Chicago.
Marx, Karl (1849): Lohnarbeit und Kapital, in: Marx/Engels 1961: MEW, Bd. 6, S. 397-423.
Sandel, Michael J. (1996): Democracy’s Discontent. America in Search of a Public Philosophy, Cambridge.
Prout, Jerry (2024): Powderly and the Worker Awakening. Speaking to the South in 1885, in: Labor History 65, S. 1-15.
Soliman, Maryan (2014): Abolishing Wage Slavery in the Gilded Age. The American Labor Movement’s Memory of the Civil War, in: UCLA Historical Journal 25(1), S. 1-15.
Zietlow, Rebecca (2017): The Forgotten Emancipator. James Mitchell Ashley and the Ideological Origins of Reconstruction, Cambridge.