
Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.
Glossar der Kapitalismuskritik
Rosa Luxemburgs Imperialismustheorie
von Merima Music
Mit der 1913 erschienen „Akkumulation des Kapitals“ zählt Rosa Luxemburg zu einer Generation linker Theoretiker:innen, welche die Problematisierung der Sozialen Frage an ihre Gegenwart anzupassen versuchten. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges bezog sie sich zwar weiter auf die Theorie von Karl Marx, passte diese aber an aktuelle gesellschaftliche und politische Gegebenheiten an. Seit je bezog sich die Soziale Frage auf wirtschaftliche und soziale Missstände im Gefolge der Industrialisierung, besonders für die Arbeiterschaft. Marx hatte dafür mit dem „Kapital. Kritik der politischen Ökonomie“ von 1867 den gesellschaftstheoretischen Bezugspunkt geschaffen. Aber die Zwangsläufigkeit, mit der sich die Verelendung des Proletariats zeigen sollte, welche als eine wichtige Vorbedingung für den Sturz des Kapitalismus galt – sie hatte sich zu Luxemburgs Lebzeiten nicht nur nicht eingestellt, sondern die Reallöhne waren stark gestiegen; auch gab es inzwischen ein System der Sozialversicherung, das vor existenziellen Risiken schützte. Dessen ungeachtet sah Luxemburg die einzige Lösung weiter in der Revolution. Entsprechend zielte ihre Kapitalismuskritik am Vorabend des Ersten Weltkrieges darauf, die Notwendigkeit dieses Umsturzes zu verdeutlichen und diese nun aus der Dynamik zwischen Imperialismus und Kapitalismus abzuleiten.
Rosa Luxemburg und Kostja Zetkin 1909;
Wikimedia Commons.
Biographie und Prägung
Rosa Luxemburg, geboren am 5. März 1871 in Zamość, einer polnischen Stadt im damaligen russischen Zarenreich, wuchs als Tochter jüdischer Eltern in bürgerlichen Verhältnissen auf. In ihrer Familie herrschte zwar eine starke Verbundenheit, sie erlebte aber auch die Spannungen zwischen dem Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft und einer assimilationsfeindlichen Haltung, die manche unter den orthodoxen Juden einnahmen. Schon als Schülerin begann sie, sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen und knüpfte Kontakte zur sozialistischen Bewegung im polnischen Untergrund. Dort entwickelte sie sich zu einer Marxistin und Internationalistin, die ein weltweites Zusammengehen der Arbeiterklasse befürwortete. Sie zog 1889 für das Studium der Wirtschaftswissenschaften nach Zürich und wurde 1897 mit einer Arbeit über „Die industrielle Entwicklung Polens“ promoviert. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst für die Partei Sozialdemokratie des Königreichs Polen. Später zog sie nach Berlin, wo sie der SPD beitrat. Sie fungierte als Vermittlerin zwischen west- und osteuropäischen Sozialdemokrat:innen, wobei ihr Denken und Handeln auf die Verwirklichung einer sozialistischen Weltrevolution fokussiert war.
Ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit wurde die Auseinandersetzung mit dem Imperialismus. Unter dem Eindruck des Russisch-Japanischen Krieges von 1905/06, verursacht durch den Machtkampf um Korea und die Mandschurei, positionierte Luxemburg sich lautstark gegen jegliche Gewalt. Beim Internationalen Sozialistenkongress 1907 in Stuttgart konfrontierte sie ihre eigene Partei damit, dass sie keine eindeutige Position gegen den Imperialismus beziehe. Luxemburg hielt es für die Verpflichtung jedes Sozialdemokraten, sich all diesen Kriegen entgegenzustellen.
Dieser radikale Pazifismus sollte im August 1914 in offenen Widerspruch zur Parteilinie geraten, als die SPD der Finanzierung des Ersten Weltkrieges zustimmte. Im Militarismus sah Luxemburg nur eine Erscheinungsform des Kapitalismus und letztlich ein Instrument zur Ausbeutung der Arbeiter. Der kapitalistische Machtkampf zwischen den Imperien führe notgedrungen auch zum Krieg, und dieser belaste die Arbeiter durch zusätzliche Steuern, senke ihren Lebensstandard und fordere viele Menschenleben: „Die bürgerlich-liberale Theorie fasst nur die eine Seite: die Domäne des ‚friedlichen Wettbewerbs‘, der technischen Wunderwerke und des reinen Warenhandels ins Auge, um die andere Seite, das Gebiet der geräuschvollen Gewaltstreiche des Kapitals als mehr oder minder zufällige Äußerungen der ‚auswärtigen Politik‘ von der ökonomischen Domäne des Kapitals zu trennen. In Wirklichkeit ist die politische Gewalt auch hier nur das Vehikel des ökonomischen Prozesses“ (Luxemburg, 1970, S. 367).
Kapitalistische Landnahme
Globaler Kapitalismus war für Luxemburg kein Versuch, die Welt zu „zivilisieren“, sondern galt ihr als gewaltsame Zerstörung anderer Kulturen und ihrer natürlich entwickelten Wirtschaftsformen. Die Expansion von Märkten war also die eigentliche Triebkraft des Imperialismus, und „Die Akkumulation des Kapitals“ widmete sich ihr als einem kapitalistischen Naturgesetz. Sie griff dabei auf Marx zurück und auf dessen Vorstellung von der Kapitalakkumulation, die zu Konkurrenz und Konzentration führe und deshalb notgedrungen krisenhaft sei. Luxemburg kritisierte, dass diese Ideen nicht mit der Gegenwart in Einklang zu bringen seien. Eine Welt, die nur aus Kapitalisten und Arbeiter:innen bestehe und einzig von kapitalistischer Produktionsweise beherrscht werde, existiere nicht. Sie verwies besonders auf solche Territorien, die noch kaum in die kapitalistische Wirtschaft eingebunden seien. Gerade dort existiere ein Ventil für den Expansionsdrang, um die Akkumulation fortsetzen zu können. Während Marx den Untergang des Kapitalismus also für historisch unvermeidlich hielt, beschrieb Luxemburg den Imperialismus als seine letzte Entwicklungsstufe: „Die Unmöglichkeit der Akkumulation bedeutet kapitalistisch die Unmöglichkeit der weiteren Entfaltung der Produktivkräfte und damit die objektive geschichtliche Notwendigkeit des Untergangs des Kapitalismus. Daraus ergibt sich die widerspruchsvolle Bewegung der letzten, imperialistischen Phase als der Schlußperiode in der geschichtlichen Laufbahn des Kapitals“ (Ebd, S. 335).
An der Peripherie der Imperien sei die Nachfrage noch nicht gesättigt, und entsprechend dienten Kolonien ebenso der Markterweiterung wie sie Zugang zu den „Naturschätzen und Arbeitskräften aller Erdstriche“ schufen. Zu den Machtverhältnissen innerhalb der Imperien zählte Luxemburg besonders die Abhängigkeit von Kreditgebern, welche eine Emanzipation der Kolonien nahezu unmöglich mache. Zur Kapitalakkumulation gehörte in Luxemburgs Imperialismustheorie also immer ihre Ausdehnung im globalen Maßstab. Sobald der Imperialismus aber an seine natürliche Wachstumsgrenze stoße, indem sich der Kapitalismus auf die gesamte Weltwirtschaft erstrecke, ende auch die Möglichkeit weiterer Kapitalakkumulation. Diese könne „so wenig ohne die nichtkapitalistischen Formationen existieren, wie jene neben ihr zu existieren vermögen. Nur im ständigen fortschreitenden Zerbröckeln jener sind die Daseinsbedingungen der Kapitalakkumulation gegeben“ (Ebd., S. 335).
Zugleich verschärfe der Imperialismus die Unterdrückung der Arbeiter: weltweit, was zu sozialen und politischen Krisen führe. Deshalb glaubte Luxemburg nicht, dass man das gleichsam natürliche Ende der Akkumulation abwarten könne; vielmehr begründete sie damit die Notwendigkeit der sozialistischen Revolution und die Lösung im Sozialismus, als „derjenigen Wirtschaftsform, die zugleich von Hause aus Weltform und in sich ein harmloses System“ sei, weil sie „nicht auf die Akkumulation, sondern auf die Befriedigung der Lebensbedürfnisse der arbeitenden Menschheit“ gerichtet sein werde (Ebd., S. 380).
Folgen
Luxemburgs Kapitalismuskritik zielte also vor allem auf die politischen Folgerungen aus dem Imperialismus ihrer Gegenwart. Nachdem die von Marx beschriebenen Krisen nicht eingetreten waren, suchte Luxemburg nach neuen Begründungen für das unausweichliche Ende des Kapitalismus und letztlich für die Revolution. Aber so wie Marx die Verelendungstheorie unter den Bedingungen des Pauperismus formulierte und weder Reallohnsteigerungen noch Sozialpolitik antizipierte, so war Luxemburg unempfänglich für den in der betrieblichen Praxis bereits sichtbaren Produktivitätsschub. Das „Scientific Management“ nach Frederick Winslow Taylor sorgte ebenso wie die Einführung des Fließbandes (zuerst bei Ford in Dearborn bei Detroit im Dezember 1913) für Massenproduktion, sinkende Preise und höhere Löhne – imperiale Absatzmärkte brauchte es nicht für diesen neuen Schub der Akkumulation. Nach Kriegsende und zu Beginn der deutschen Revolution gründeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die Kommunistische Partei Deutschlands. Während sie eine Revolution nach russischem Vorbild und eine direkte Machtübernahme durch Arbeiterräte anstrebte, bemühten sich die Sozialdemokraten um einen Aufbau der Republik durch parlamentarische Prozesse. Im Januar 1919 führte dieser Konflikt zum Spartakusaufstand mit Rosa Luxemburg an der Spitze. Sie wurde am 15. Januar 1919 von Freikorps-Männern ermordet.
Literatur
Bieler, Andreas/Bozkurt, Sümercan/Crook, Max u.a.: The enduring relevance of Rosa Luxemburg’s The Accumulation of Capital, in: Journal of International Relations and Development, 19 (2016), S. 420-447.
Dunayevskaya, Raya: Rosa Luxemburg. Frauenbefreiung und Marx‘ Philosophie der Revolution, Berlin/Hamburg 1998.
Groenewegen, Peter: Rosa Luxemburg’s The Accumulation of Capital, in: History of Economics Review, 58 (2013), S. 71-82.
Luxemburg, Rosa: Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus, Frankfurt ⁴1970.
Morina, Christina: Die Erfindung des Marxismus. Wie eine Idee eine Welt eroberte, München 2017.