Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.

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Glossar der Kapitalismuskritik

Eisenhower und der Militärisch-Industrielle Komplex

von Jan Schmidt

Seit dem Sieg im Zweiten Weltkrieg hat das Militär eine zentrale Bedeutung in Gesellschaft und Politik der USA. Zwar hatte es schon seit 1944 immer wieder Kritik an der privaten Rüstungswirtschaft gegeben, doch die Angst vor dem nächsten großen, womöglich nuklearen Krieg ließ solche Stimmen ebenso verstummen wie der Antikommunismus. In der Wahl von 1952 konnte der ehemalige General Dwight D. Eisenhower die Wähler insbesondere in Fragen der nationalen Sicherheit und dem Versprechen einer raschen Beendigung des Koreakriegs von sich überzeugen. 

Am Ende seiner achtjährigen Amtszeit, die von Stabilität, Pragmatismus und einer schwierigen Balance zwischen Wirtschaftswachstum und den Konflikten des Kalten Krieges gekennzeichnet war, nutzte Eisenhower seine Abschiedsrede, um die Nation vor dem wachsenden Einfluss des „Military-Industrial-Complex“ (MIC) zu warnen. Er verstand darunter eine ebenso enge wie mächtige Verflechtung von Militär, Politik und Rüstungsindustrie. Die Dramatik seiner Warnung überraschte viele Zeitgenossen, schließlich war Eisenhower einer der höchst-dekorierten Generäle der US-Armee und verantwortete als Präsident einen enormen Militäretat.

Präsident John F. Kennedy und Dwight D. Eisenhower mit militärischen Beratern im April 1961; U.S. National Archives and Records Administration, bereitgestellt über Wiki Commons.

Amerikas Waffenarsenal

Die geopolitische Lage der fünfziger Jahre war geprägt von Schlüsselereignissen wie dem Koreakrieg, der Gründung des Warschauer Paktes, der Suezkrise oder dem Sputnikschock. In dieser Zeit kristallisierten sich die Fronten des Kalten Krieges heraus. Die Außenpolitik der USA zielte auf Eindämmung der Sowjetunion und versuchte auch die Ausbreitung ihrer Ideologie abzublocken. Im Zuge des globalen Wettrüstens zielte die amerikanische Nuklearstrategie auf Abschreckung durch assured destruction, also die Fähigkeit im Falle eines Angriffs den Gegner vollständig zu vernichten. So bezeugt Colonel Andrew J. Goodpaster in einem internen Protokoll der Stabschefs und des Präsidenten von 1956, dass es bei einem Krieg zwischen den USA und der UdSSR, ob konventionell oder nuklear, zu einem massiven Einsatz von Atomwaffen beider Seiten käme.

Die Air Force ersetzte ihre Flugzeuge durch moderne Jets und Bomber. Die Navy erhielt große Flugzeugträger, die den weltweiten Einsatz von Kampfflugzeugen ermöglichten, sowie die ersten Atom-U-Boote, welche die Fähigkeit zum Zweitschlag durch das seegestützte Polaris-Raketenprogramm gewährleisteten. Die Air Force galt als zentrale Abschreckungskraft; ständig kreisten bis zu zwölf nuklear bewaffnete Bomber über der nördlichen Hemisphäre (Operation Chrome Dome). In den frühen Jahren der nuklearen Strategie waren diese Bomber die wichtigste Komponente der Abschreckung, ehe später Interkontinentalraketen hinzutraten. Im Hintergrund dieser Rüstungsanstrengung stand die Sorge, im globalen Rüstungswettlauf hinter die Sowjetunion zurückzufallen. Der globale Konflikt wurde nicht nur als eine ideologische Auseinandersetzung verstanden, sondern galt zugleich als wirtschaftliches und technologisches Kräftemessen.

Militärische Stärke ließen sich die USA viel kosten: Die Nachfrage nach modernen Waffensystemen wie thermonuklearen Bomben sorgte für einen gewaltigen Aufschwung der Rüstungsindustrie, die von umfangreichen staatlichen Aufträgen und garantierten Absatzmärkten profitierte. Diese Militärausgaben machten im Schnitt der fünfziger Jahre knapp elf Prozent des BIP aus, erreichten in Spitzenjahren (etwa 1953) aber Werte von bis zu 14 Prozent. Nicht alle diese Ausgaben kamen direkt dem US-Militär zugute. Zwischen 1950 und 1960 investierten die USA auch 27,5 Milliarden Dollar in die Ausrüstung „verbündeter Armeen“. Diese „Militärhilfen machten während der 1950er Jahre im Schnitt 3,8 Prozent des Bundeshaushalts aus“(Stahl 2025, S. 373).

Prozess der Rüstung

Die Rüstung der USA war ein systematischer und bürokratischer Prozess, der durch interinstitutionelle Kooperation und eine starke Rolle des Kongresses gekennzeichnet war. Jährlich plante das Pentagon in Zusammenarbeit mit dem Militär den Bedarf für ein Jahr. Der Präsident erstellte auf Grundlage dessen den Militäretat, welcher vom Kongress genehmigt werden musste. Im Defense Acquisition System wurden Ausrüstungsgegenstände von privaten Unternehmen beschafft. Auch die Technologieentwicklung spielte in diesem Prozess eine wichtige Rolle, da die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) in Kooperation mit Universitäten und Rüstungskonzernen neue Waffensysteme entwickelte. Dieser gesamte Prozess unterstand durch „Checks and Balances“ formal der Kontrolle des Kongresses, welcher in speziellen Komitees die privaten Rüstungskonzerne und das Verteidigungsministerium überwachte.  Eisenhower war sich bewusst, dass der Konflikt der Supermächte diesen Vorgang deformieren könnte. Während seiner Amtszeit hatte er es jedoch versäumt, entsprechende Reformen anzustoßen.

Die Rede

Eisenhower warnte vor der „acquisition of unwarranted influence, whether sought or unsought, by the military-industrial complex“ (Eisenhower, 1961, S. 16). Diese Mahnung war abstrakt, zielte jedoch auf die Gefahr eines Autonomieverlustes der Politik. Eisenhower betonte die Problematik, dass politische Entscheidungsträger in Abhängigkeit von einer technisch-wissenschaftlichen Elite geraten könnten, deren Interessen nicht immer mit denen der breiten Öffentlichkeit übereinstimmten: „public policy could itself become the captive of a scientific-technological elite“ (Eisenhower, 1961 S. 19). Gemeint ist damit, dass gewählte Repräsentanten die Komplexität der militärischen und technologischen Entscheidungen der DARPA nicht mehr durchdringen könnten und die eigentliche Kontrolle an Privatunternehmen überginge. Eisenhower war der Ansicht, dass sich durch die permanente Aufrüstung eine neue Form des Kapitalismus entwickelt habe, die weniger durch Wettbewerb und Innovation geprägt war als vielmehr von der Abhängigkeit von staatlichen Großaufträgen. Die Rede zielte also darauf, das Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Freiheit und demokratischer Kontrolle aufrecht zu halten, indem Entscheidung über staatliche Ausgaben nicht zugleich von der Wirtschaft beeinflusst wurden.

Eisenhowers Erkenntnis

Eisenhower hinterließ in seiner Abschiedsrede eine der eindringlichsten Warnungen der US-amerikanischen Geschichte. Seine Mahnung vor dem Militärisch-Industriellen Komplex war nicht nur ein Appell an die Bevölkerung, sondern auch das Eingeständnis eines Mannes, der selbst eine zentrale politische Figur im Rüstungsprozess war. Er war kein typischer Kritiker des Militärs, hatte er doch eine beeindruckende Karriere in der US-Armee vorzuweisen. Gerade weil Eisenhower das militärische Establishment aus erster Hand kannte, fand seine Warnung bei Anhängern, wie dem American Veterans Committee, Anklang. Er sah, wie sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine dauerhafte private Rüstungswirtschaft etabliert hatte, die nicht nur die Sicherheit der USA und ihrer Verbündeten vor dem Kommunismus gewährleistete, sondern immer auch wirtschaftliche Profite sichern wollte. Etwas, was schon Jahrzehnte zuvor politische Debatten ausgelöst hatte und im Vietnamkrieg einen vorläufigen Höhepunkt finden sollte. Seine Worte waren keine Kritik an der Aufrüstung, sondern eine Kritik am unkontrollierten Kapitalismus durch Firmen wie Lockheed und Boeing, welche die Rüstung zu lukrativen Geschäftsfeldern gemacht hatten.

Eisenhowers Abschiedsrede fand in einem kritischen Moment statt. Der designierte Präsident John F. Kennedy hatte während des Wahlkampfes auf ein stärkeres Engagement in der Verteidigungspolitik gedrängt und laut Patrick Coffey dabei häufig dievermeintliche„Raketenlücke“ gegenüber der Sowjetunion betont. Eisenhower sah die Gefahr, dass das neue Kabinett die militärische Aufrüstung weiter vorantreiben könnte, ohne die langfristigen Konsequenzen zu bedenken. Seine Warnung war also auch ein Appell an die künftige Regierung, die Balance zwischen Stärke und Kontrolle nicht zu verlieren. Er erkannte, dass die USA in ein System abgleiten könnten, in dem militärische Konflikte womöglich aus kapitalistischen Interessen heraus geführt würden.

Literatur

Coffey, Patrick (2014): American Arsenal. A Century of Waging War, New York.

Eisenhower, President Dwight D. Eisenhower's Farewell Address, in: National Archives at College Park, Eisenhower, Dwight D.: Papers as President of the United States, 1953 – 1961, Speech Files, 1953 - 1961, Final TV Talk - January 17, 1961 (1).

Goodpaster, Defense Policy, Atomic Weapons, in: National Archives at College Park, Eisenhower, Dwight D.: Papers as President of  the United States, 1953 – 1961, Dwight D. Eisenhower Diary, 1953 – 1961, May 56 Goodpaster.

Letter from Stanley Karson to Dwight D. Eisenhower Regarding the Military-Industrial Complex, in: National Archives at College Park, Eisenhower, Dwight D.: Papers, Post-Presidential, 1961 – 1969, Principal Files, 1966 – 1966, K(3).

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NIE 100-5-59, 3 Feb 59, Implications for the Free World and the Communist Bloc of Growing Nuclear Capabilities, in: National Archives at College Park, Records of the Central Intelligence Agency 1894 - 2002, National Intelligence Estimates and Related Reports and Correspondence, 1950 - 1985.

Rockoff, Hugh (2012): America’s Economic Way of War. War and the US Economy from the Spanish–American War to the Persian Gulf War, Cambridge.

Schanetzky Tim. (2015): Regierungsunternehmer. Henry J. Kaiser, Friedrich Flick und die Staatskonjunkturen in den USA und Deutschland, Göttingen.

Stahl, Daniel (2025): Bedrohliches Geschäft. Waffenhandel und Völkerrecht in Zeiten imperialer Expansion, Berlin.