Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.

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Glossar der Kapitalismuskritik

Franz Oppenheimer und die Siedlungsgenossenschaft

von Jule Itjeshorst

Zwei Entwicklungen bestimmten die Demographie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg stieg der Anteil der in Städten lebenden Menschen von 4,8 auf 21,3 Prozent; gleichzeitig nahm die Bevölkerung von 41 Millionen auf 65 Millionen Personen zu. Auch das auf hohe Geburtenüberschüsse zurückgehende Bevölkerungswachstum kam überwiegend den Städten zugute, während die Kopfzahl der Landbevölkerung stagnierte. Gründe für den Zug in die Städte lagen in erster Linie in Lebensstandard und Arbeitsmarkt.

Während die Stadt eine Chance auf sozialen Aufstieg versprach, waren die Lebens- und Arbeitsverhältnisse auf dem Land immer dann prekär, wenn man nicht über ausreichend eigenes Ackerland verfügte. Einer der Brennpunkte der „Urbanisierung“ war Berlin, wo Franz Oppenheimer 1864 als drittes Kind des Rabbiners Julius Oppenheimer und dessen Ehefrau Antonie geboren wurde. Seit 1881 studierte er Medizin an den Universitäten Freiburg und Berlin. Nach seiner Approbation als Arzt praktizierte Oppenheimer von 1886 bis 1895 in unterschiedlichen Berliner Armenvierteln und befasst sich seit 1890 auch mit sozialpolitischen und sozialökonomischen Fragen.

Franz Oppenheimer 1936 als Gastprofessor in Rechovot südlich von Tel Aviv; Wikimedia Commons.

Oppenheimer in Berlin

Aus eigener Anschauung sah Oppenheimer das zentrale Problem in der Ausbeutung der Arbeiter. Oppenheimer schwebte ein friedlicher Zukunftsstaat „der Freien und Gleichen“ vor (Krug 1992, S. 3), in dem ein Gleichgewicht der Interessen herrschen und die Wirtschaft frei von Krisen sein sollte. Er war kein Gegner des Kapitalismus, sondern ein Sozialreformer, der aber ähnliche Strukturprobleme des kapitalistischen Systems diagnostizierte wie die Sozialisten. Dessen Überwindung war für ihn aber keine Option, sondern er suchte nach praktischen Lösungen für konkrete Missstände. 

Oppenheimers Sicht war nicht weit von derjenigen Max Webers entfernt, der im Kapitalismus bekanntlich einen „ungeheuren Kosmos“ sah, in den „der einzelne hineingeboren wird und der für ihn wenigstens als einzelnen, als faktisch unabänderliches Gehäuse, in dem er zu leben hat, gegeben ist.“ Der Kapitalismus „erzieht und schafft sich im Wege der ökonomischen Auslese die Wirtschaftssubjekte – Unternehmer und Arbeiter – deren er bedarf“ (Weber 1920, S. 37).

Wenn der Kapitalismus als solcher hinzunehmen sei, rücken die individuellen Handlungsspielräume in den Mittelpunkt. So blickte Oppenheimer kritisch auf den Zug in die Großstadt und sah die Lösung bei einer Stärkung der Landarbeiter, die er als unterste gesellschaftliche Schicht ansah – genau dort müsse man im Interesse einer allgemeinen gesellschaftlichen Verbesserung ansetzen. Eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen sollte  die Abwanderung vom Land in die Städte verringern und negative Effekte der Urbanisierung abschwächen. In diesem Zusammenhang verfasste Oppenheimer als damals noch unbekannter Mann sein Buch Die Siedlungsgenossenschaften, das landwirtschaftliche Produktivgenossenschaften als den wichtigsten Lösungsansatz für die soziale Frage präsentierte. 

Siedlungsgenossenschaft

Siedlungsgenossenschaften sollen die Lebensbedingungen der Landarbeiter verbessern. Oppenheimer war besonders wichtig, die Landarbeiter von ihrer Abhängigkeit von Großgrundbesitzern zu befreien. Dazu sollten einfache Landarbeiter dazu in die Lage versetzt werden, Land zu pachten, idealerweise selbständig zu wirtschaften und Gewinn zu erzielen. Wichtigstes Instrument dazu war die Siedlungsgenossenschaft, in der sich die Arbeiter zusammenschließen sollten. Die Mitglieder sollten gemeinsame Einrichtungen nutzen, von Wohlfahrtsvereinen profitieren und durch gemeinschaftliche Bewirtschaftung des Landes effektiver wirtschaften. Zudem schlug Oppenheimer eine finanzielle Unterstützung vor, etwa durch staatlich vergünstige Kredite.

Landwirtschaftliche Produktivgenossenschaften sollten dabei die Siedlungsgenossenschaft ergänzen. Dabei handelt es sich um Zusammenschlüsse von Personen, die gemeinsame wirtschaftliche Interessen verfolgen. Sie unterscheiden sich von anderen Genossenschaften, weil die Mitglieder nicht nur Miteigentümer ihrer Genossenschaft sind, sondern darüber hinaus auch ihre Arbeitskraft aktiv in das gemeinschaftlich betriebene Unternehmen einbringen. Anders als bei Wohnungsbau- oder Konsumgenossenschaften steht hier also die Produktion im Vordergrund. Dabei sind die Mitglieder sowohl Arbeitnehmer als auch Unternehmer, was zu einer Doppelstruktur führt, die wirtschaftliche und soziale Ziele miteinander verbindet. Oppenheimer schwebten auch industrielle Produktivgenossenschaften vor, welche die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen überwinden sollten. Ihm war allerdings auch bewusst, dass nicht jeder Arbeiter das nötige Kapital für eine Mitgliedschaft aufzubringen bereit oder in der Lage war. Entsprechend ging er davon aus, dass Produktivgenossenschaften gewerbliche Arbeiter einstellen müssten – die keine Genossenschaftsmitglieder und entsprechend von deren Binnendemokratie ausgeschlossen waren.

Transformationsgesetz

Für die soziale Frage waren besonders die auf Selbsthilfe gegründeten Handwerker- und Arbeiterproduktivgenossenschaften von Bedeutung, die sich die „Hebung der Arbeiterklasse“ als Aufgabe stellten. Oppenheimer warf aber zugleich die Frage auf, wie überhaupt bestimmt werden könne, ob Mitglieder einer solchen Produktivgenossenschaft noch zu den Arbeitern zählten oder bereits als Unternehmer tätig waren: „Nur äußerst selten gelangt eine Produktivgenossenschaft zur Blüte. Wenn sie aber zur Blüte gelangt, hört sie auf eine Produktivgenossenschaft zu sein“ (Oppenheimer 1896, zit.n. Kramer 2003, S. 50). Oppenheimer formulierte damit ein Transformationsgesetz, wonach unternehmerischer Erfolg auch unternehmerisches Handeln voraussetzte, das sich in der Praxis mit basisdemokratischen Methoden aber kaum je bewerkstelligen ließ. Entsprechend waren erfolgreiche Genossenschaften gerade diejenigen, die sich ein professionelles Management gaben und die darüber rasch die Form gewöhnlicher Unternehmen annahmen. Bis heute stößt dieses Transformationsgesetz allerdings auf viel Kritik. Vertreter der Genossenschaftsbewegung warfen Oppenheimer etwa vor, die weitere Entwicklung empirisch nicht hinreichend berücksichtigt zu haben. Allein in Deutschland gab es in den späten zwanziger Jahren etwa 1300 erfolgreiche Produktivgenossenschaften. Werner W. Engelhardt behauptete, dass wegen des Transformationsgesetzes ein überkritischer Blick auf die Produktivgenossenschaften dominierte. Auch erhob Ben-Ner Daten für die siebziger und frühen achtziger Jahren und stellte fest, dass es in Frankreich, Italien und Großbritannien eine große Anzahl solcher Produktivgenossenschaften gab; sowohl die death rate als auch das wirtschaftliche Scheitern sei bei Produktivgenossenschaften sogar geringer gewesen als bei anderen Rechtsformen. 

Liberaler Sozialismus

Oppenheimers Position war also paradox. Einerseits sah er im Genossenschaftswesen einen wichtigen Lösungsansatz für die Soziale Frage, während er andererseits die praktischen Probleme dieser Organisationsform identifizierte und so zu einer insgesamt doch eher pessimistischen Sicht gelangte. Im Kern ging es ihm um eine bewusste Umgestaltung des Kapitalismus, um mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit und soziale Gerechtigkeit zu ermöglichen. Das verstand sich immer als liberale Distanzierung vom revolutionären Sozialismus, wie schon der programmatische Untertitel seines Buches über die Siedlungsgenossenschaft zeigte, das auf die „Überwindung des Kommunismus“ zielte. Später hat er seine eigenen Positionen aber als eine Form des „liberalen Sozialismus“ bezeichnet. So propagierte Oppenheimer als Mitbegründer der Soziologie in Deutschland einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus und betonte dabei besonders die Bedeutung des demokratischen Staates. Dazu passte, dass Oppenheimer anfangs als erklärter Zionist die genossenschaftlichen Experimente in Palästina aufmerksam beobachtete und 1909 auch ein eigenes Modellprojekt in Merchavia initiierte, das von der sozialistischen Programmatik anderer Genossenschaften nichts wissen wollte. Sein Kibbuz überdauerte den Ersten Weltkrieg, während viele idealistische Vorhaben aufgegeben werden mussten. Später distanzierte sich Oppenheimer vom Ziel eines Staates Israel ebenso wie vom organisierten Zionismus, engagierte sich aber gleichwohl mit einer 1926 begonnenen Studie über die Kibbuzim in Palästina und übernahm dort 1934 auch einen Lehrauftrag. 1938 floh er aus Deutschland und gelangte nach Stationen in Tokio und Shanghai 1940 schließlich in die USA. Auch wenn er wissenschaftlich ein Einzelgänger blieb, beeinflusste er eine illustre Schülerschar, zu denen unter anderen Ludwig Erhard, Erich Preiser, Alexander Rüstow und Adolf Reichwein zählten.  

Literatur

Ben-Ner, Avner: Comparative Empirical Observations on Word-Owned and Capitalist Firms. in: International Journal of Industrial Organization, 6 (1988), S. 7-31.

Engelhardt, Werner W.: Prinzipielle und aktuelle Aspekte der Produktivgenossenschaften, in: Friedrich Karrenberg/Hans Albert (Hrsg): Sozialwissenschaft und Gesellschaftsgestaltung. Festschrift für Gerhard Weisser, Berlin 1963, S. 439-460.

Haselbach, Dieter: Franz Oppenheimer. Soziologie, Geschichtsphilosophie und Politik des „liberalen Sozialismus“, Leverkusen 1985.

Kaesler, Dirk: Franz Oppenheimer, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 19, S. 572 f.

Kramer, Jost W.: Zum Wirken des Oppenheimerschen Transformationsgesetzes bei Produktivgenossenschaften, in: Zeitschrift für das gesamte Genossenschaftswesen, 53 (2003), S. 41-56.

Kruck, Werner: Transformationsgesetz und Wirklichkeit der Oppenheimerschen Genossenschaftstheorie, in Zeitschrift für öffentliche und gemeinwirtschaftliche Unternehmen, 15, 1999, S. 1-16.

Oppenheimer, Franz: Die Siedlungsgenossenschaften. Versuch einer Überwindung des Kommunismus durch Lösung des Genossenschaftsproblems und der Agrarfrage, Leipzig 1896.

Oppenheimer, Franz: Kapitalismus, Kommunismus, Wissenschaftlicher Sozialismus, Berlin 1919.

Oppenheimer, Franz/Oppenheimer, Ludwig Yehuda: Erlebtes, Erstrebtes, Erreichtes. Lebenserinnerungen, Düsseldorf 1964.