
Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.
Glossar der Kapitalismuskritik
Robert Owen in New Lanark
von Andrew Wittenbrink
Als der junge Unternehmer Robert Owen (1771–1858) 1800 erstmals das Gelände der Baumwollfabrik von New Lanark in South Lanarkshire/Schottland betrat, war er sich sicher: „Von allen Orten, die ich bisher gesehen habe, würde ich diesen hier präferieren, um ein Experiment auszuprobieren, das ich schon lange vorbereitet habe und von dem ich gehofft hatte, dass sich eine Gelegenheit ergibt, dieses in die Praxis umzusetzen“ (Owen, 1920 [1858], S. 63). Das mochte stimmen – oder konnte eine autobiographische Konstruktion sein. Jedenfalls sollte der Kauf der Fabrik seines Schwiegervaters für Owen, der erste berufliche Erfahrungen als Manager in Manchester gesammelt hatte, der eigentliche Beginn der Umsetzung seiner gesellschaftlich Umgestaltungsideen werden. Ihm schwebte ein praktischer Gegenentwurf zum kapitalistischen Gesellschaftssystem vor, das in der Industrialisierung eben erst allmählich Gestalt angenommen hatte. Gleichzeitig symbolisierte New Lanark in der Rückschau die Erprobung wichtiger Grundsätze des britischen Frühsozialismus.
New Lanark; Iain Russell über Wikimedia Commons.
Frühsozialistische Visionen
Der Frühsozialismus gründete vor allem auf den Prinzipien von Gleichheit und Solidarität und entwickelte eine Reihe neuer gesellschaftlicher und ökonomischer Organisationsmodelle. Obwohl diese Entwürfe, die etwa detaillierte Regelungen des Arbeits- und Alltagslebens umfassten, nie den Rückhalt einer politischen Massenbewegung fanden, wurde viele von ihnen jedoch konkret erprobt. Die Ideen von Frühsozialisten wie Owen, Henri de Saint-Simon oder Charles Fourier kreisten besonders darum, die industrielle Entwicklung von den feudalistischen Privilegien eines merkantilistisch-absolutistischen Staates zu befreien; auch wollten sie häufig das Privateigentum an Produktionsmitteln durch gemeinschaftliches Eigentum (z.B. Genossenschaften oder andere Formen von Gemeinbesitz) ersetzen. Zudem forderten sie, den Konkurrenzkampf durch kooperative Wirtschaftsplanung und gemeinsame Verantwortung zu überwinden (Meyer, 2008, S. 21 ff.).
Diesen Geist des Frühsozialismus sollte New Lanark experimentell verkörpern. Owen verstand diesen Ort gleichzeitig als Symbol und praktischen Realisierungsversuch für die von ihm angestrebte gesellschaftliche Gleichheit und die allgemeine Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum. Seine Vision wurde sowohl zeitgenössisch als auch im weiteren Verlauf des sich entwickelnden Sozialismus im 19. Jahrhundert als utopisch angesehen. Berühmt-berüchtigt ist die Einschätzung von Marx und Engels, die Owen einen sozialistischen Utopisten nannten. Gleichzeitig erkannten sie aber an, dass einige von Owens „utopischen“ Ideen wie etwa verkürzte Arbeitszeiten (später gesetzlich festgeschrieben im Factory Act 1847, besser bekannt als Ten Hour Act) oder die verpflichtende Bildung für in den Fabriken arbeitende Kinder (später erstmalig im Althorp’s Act 1833 festgeschrieben und dann stetig erweitert) tatsächlich umgesetzt wurden (Brie, 2015, S. 49 f.). Der Begriff Utopie war also nicht negativ konnotiert. Er würdigte zugleich Owens Kritik am zeitgenössischen kapitalistischen System und dessen konkrete Experimente in New Lanark (Schölderle, 2017, S. 119 ff.).
Zwischen Kapitalismuskritik und Sozialutopie
Auf sein Lebenswerk zurückblickend, verstand Owen sich als Erfinder und Lenker des britischen Sozialismus des 19. Jahrhunderts (Ahlheim, 2020, S. 66). Diese Selbsteinschätzung speiste sich aus der Tatsache, dass einige seiner wichtigsten Grundsätze, wie die Reduzierung der Arbeitszeit oder das Verbot von Kinderarbeit, in den 1830er und 1840er Jahren von den sozialistischen Bewegungen übernommen und dann auch durchgesetzt wurden. Die Grundideen Owens waren dabei jedoch keineswegs unveränderliches Ergebnis theoretischer Arbeit. Vielmehr beeinflusste die praktische Erfahrung aus seinem Experiment in New Lanark zugleich die Entwicklung seines frühsozialistischen Gesellschaftsentwurfs (von Beyme, 2013, S. 63), den er in vier Essays unter dem Titel A New View of Society (1813–1816) beschrieb.
Geprägt von den Einflüssen Rousseaus, Helvétius’ und Benthams sah Owen den Menschen als Individuum, dessen Handeln nicht selbstbestimmt sei, sondern vielmehr stark durch seine Umwelt beeinflusst würde. Aus diesem Ansatz ergab sich für Owen die Notwendigkeit, dass diese Umwelt in der Gegenwart so verändert werden müsste, dass sich damit auch die Menschen und insbesondere ihre Lebens- und Arbeitssituation im industriell-kapitalistischen System verbesserten (Claeys, 2022, S. 149). Die Geschichte der amerikanischen Befreiungskriege und der Französischen Revolution lehrten ihm zudem, dass grundlegende gesellschaftliche Veränderungen möglich waren und über Jahrhunderte stabile politische Verhältnisse im Namen der Menschenrechte umgestaltet werden könnten (Brie, 2015, S. 6). Inspiriert vom Geist dieser revolutionären Momente setzten Owen und die Frühsozialisten gesellschaftliche Brüderlichkeit gegen den Individualismus der liberalen Theorie. In ersterem, so ihre Überzeugung, liege eine zentrale Antwort auf die „isolierenden und trennenden Prinzipien” einer wettbewerbsorientierten Gesellschaft (Meyer, 2008, S. 28). Die tiefgreifenden Veränderungen, die die Industrialisierung mit sich bringe, würden aber gesellschaftliche Unruhen auslösen und die Gesellschaft mit ihren „Antagonismen“ auf einen Kollaps zu rasen lassen (O’Hagan, 2008, S. 367; Schölderle, 2017, S. 120). Deshalb sei es an der Zeit, auf die theoretische Reformdiskussion praktische Lösungsversuche folgen zu lassen – wie er es in New Lanark tat.
New Lanark: Ein Modell der Reform
Owen widmete sich dem Projekt New Lanark mit dem Antrieb, das große produktive Potenzial der Arbeiterschaft – und darüber: Profite – zu erschließen. Seinen frühsozialistischen Überzeugungen entsprechend konnte dies nur durch die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterschaft gelingen. Owen baute die Fabrik also zu einen Vorzeigebetrieb um. Dazu reduzierte er die Arbeitszeit auf zwölf Stunden, erlaubte bis zu Eineinviertel Stunde Pause, verbesserte den Arbeitsschutz und setzte überdurchschnittliche Löhne fest. Zudem implementierte Owen soziale Reformen, bei der Gesundheitsvorsorge, der Kinderbetreuung und -erziehung und nicht zuletzt die Wohn- und Hygienebedingungen am Standort der Fabrik betreffend. Wie erhofft, resultierten diese Maßnahmen in einer hohen Loyalität und Motivation der Arbeiterschaft, die maßgeblich zum wirtschaftlichen Erfolg beitrugen. New Lanark wurde als „sauberstes Dorf Schottlands“ zu einem Publikumsmagnet mit jährlich 20.000 Besuchenden, und aus dem heruntergewirtschafteten Unternehmen, das Owen übernahm, entwickelte sich in wenigen Jahren eine prosperierende und konkurrenzfähige Baumwollfabrik (Schölderle, 2017, S. 117).
Dennoch lässt sich Robert Owen nicht ausschließlich als sozialistischer Vordenker und Wohltäter porträtieren. Trotz seiner Reformen war Owen ein Fabrikbesitzer, der von seiner Villa in New Lanark aus über seine Fabrik und ihre Arbeiterschaft herrschte. Die Methoden, die er anwandte, waren „wohlwollend paternalistisch. […] Er belehrt, überwacht, fördert“ (Brie, 2015, S. 11). Um etwa „Fehlverhalten“ vorzubeugen, wurden seine Arbeiter streng observiert. Dieser Paternalismus war in Owens Augen notwendig: Die Arbeiterschaft in der industriellen Gesellschaft sah er als „vital machines“ („lebendige Maschinen“), die ebenso wie die technisch-industriellen Maschinen als Teil des funktionierenden Ganzen betrachtet werden mussten und daher großer Aufmerksamkeit bedurften. Fabrikarbeiter sah Owen also als formbares „Material“ an, das durch gezielte Anleitung und Bildung verbessert werden konnte. Im Ansatz wollte Owen so industrielle Effizienz und emanzipatorisches Potenzial verbinden(Ahlheim, 2020, S. 58 ff.).
New Lanark scheiterte schlussendlich an Owens Paternalismus, der seinem Verständnis von Sozialismus innewohnte. Denn diejenigen, die er von den Zwängen der industriell-kapitalistischen Gesellschaft „befreien“ wollte, lehnten es ab, als Abhängige behandelt zu werden und forderten zunehmend demokratischere Strukturen ein (Siméon, 2017, S. 160). Das Experiment kann aber als erster praktischer Versuch gelten, die utopisch-kapitalismuskritischen Grundideen des Frühsozialismus umzusetzen, bei dem zugleich die Grenzen von Owens Reformen sichtbar wurden: Während er in seinen Schriften radikale Forderungen nach Gemeineigentum und Genossenschaften stellte, blieb die paternalistische Praxis seines unternehmerischen Unterfangens in New Lanark weitgehend hinter dieser theoretischen Vision zurück.
Quellen
Owen, Robert (1927 [1813–1816]): A New View of Society. And Other Writings, London.
Owen, Robert (1920 [1858]): The Life of Robert Owen. With an Introduction by M. Beer, London.
Literatur
Ahlheim, Hannah (2020): Ex Machina. Die Gestaltung der Utopie in der Arbeitswelt des britischen Frühsozialisten Robert Owen, in: Historische Zeitschrift 311 (1), S. 37–69.
Beyme, Klaus von (2013): Der Frühsozialismus, in: ders. (Hrsg.): Sozialismus. Theorien des Sozialismus, Anarchismus und Kommunismus im Zeitalter der Ideologien 1789–1945, Wiesbaden, S. 19–80.
Brie, Michael (2015): Wie der Sozialismus praktisch wurde. Robert Owen – Reformer, Visionär, Experimentator, Berlin.
Claeys, Gregory (2022): Robert Owen and Owenism, in: van der Linden (2022), S. 146–166.
Linden, Marcel van der (Hrsg.) (2022): The Cambridge History of Socialism, Cambridge.
Meyer, Thomas (2008): Der Sozialismus im 19. Jahrhundert, in: ders. (Hrsg.): Sozialismus, Wiesbaden, S. 21–49.
O’Hagan, Francis J. (2008): Robert Owen and the Development of Good Citizenship in 19th Century New Lanark. Enlightened Reform of Social Control?, in: Peters/Britton/Blee (2008), S. 365–379.
Peters, Michael A./Britton, Alan/Blee, Harry (Hrsg.) (2008): Global Citizenship Education. Philosophy, Theory and Pedagogy, Leiden.
Schölderle, Thomas (2017): Geschichte der Utopie. Eine Einführung, Stuttgart.
Siméon, Ophélie (2017): Robert Owen’s Experiment at New Lanark. From Paternalism to Socialism, Cham.