
Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.
Glossar der Kapitalismuskritik
Rote Fahnen sieht man besser
von Tim Schanetzky
Im November 1970 zog es Dieter Süverkrüp zum Werkstor der Phrix AG in Krefeld. Die dortige Zellwolle-Produktion stand vor der Schließung, also griff er zur Gitarre und stimmte einen holprigen Streikaufruf an:
„Ihr, hört mal auf, Euch höchst privat zu ducken.
Ihr, fangt mal an, gemeinsam aufzumucken.
Ihr, stellt mal fest, wem hier das Wort gebührt.
Wem hier das Wort gebührt, seid Ihr.
Wenn Ihr nicht mitmacht, dann läuft nix,
im ganzen Land, nicht nur bei Phrix.
Den Herren helfen keine Tricks,
wenn Ihr Euch einig seid, läuft nix.“
Unter den Kabarettisten und Liedermachern war Süverkrüp damals so etwas wie der parteikommunistische Hardliner. Auch in Krefeld ging es ihm vor allem darum, Solidarität mit den „Werktätigen“ zu demonstrieren, ihr Klassenbewusstsein zu stärken und Einsicht in die Möglichkeiten politischer Aktionsfähigkeit zu wecken. Aber es war auch Werbung in eigener Sache, denn Süverkrüp gab am fraglichen Abend ein Konzert in der Stadt. Auch traf es sich, dass gerade ein Filmteam die Stilllegung des Werkes begleitete, und so gelangte das Protestlied schließlich auch ins Fernsehen.
Single-Schallplatte (Peng-Verlag) des Liedermachers
Dieter Süverkrüp (Wikimedia Commons)
Parteinahme für die Entlassenen
Als der abendfüllende Dokumentarfilm im Dezember 1971 im Hauptprogramm der ARD ausgestrahlt wurde, stand er unter dem vielsagenden Titel „Rote Fahnen sieht man besser“. Das war im übertragenen Sinne gemeint, denn in ihrem Film zeigten Theo Gallehr und Rolf Schübel lediglich einige Arbeiter dabei, wie sie eine schwarze Trauerfahne über dem Werk hissten. Von WDR und Radio Bremen gemeinsam produziert, dokumentierte der hundertminütige Film die Sicht von Arbeitern, Managern und Gewerkschaftern auf die Werksschließung. Knapp 5,5 Millionen Zuschauer zählte die Marktforschung. Das kapitalismuskritische Werk ließ zwar alle Seiten zu Wort kommen, aber die Sympathie lag bei den Arbeitern. Es ging den Autoren, so schon der Untertitel, um eine Dokumentation „aus der Sicht der Entlassenen“, und deren Solidarität galt es ja gerade heraufzubeschwören.
Genau wegen dieser Einseitigkeit war das „penetrante marxistische Lehrstück“ (WDR-Intendant Klaus von Bismarck) hochumstritten und bot jeden Anlass, um zugleich über die Produktionsbedingungen des Fernsehens zu reflektieren. Als der WDR die „Roten Fahnen“ im dritten Programm zeigte, folgte auf den hundertminütigen Film das halbstündige Intellektuellen-Gespräch im „Glashaus“. Dort zeigte sich etwa Walter Jens tief bewegt, weil der Film so eindrücklich zeige, wie die „materielle und psychische Not das Klassenbewusstsein der Arbeiterschaft“ geschärft habe. Der Literaturkritiker tadelte aber auch den tendenziösen Umgang mit einem Herrn aus dem Aufsichtsrat: Dessen Aussagen sprächen doch eigentlich für ich, so dass „diese etwas genüssliche Kamerafahrt über die großbürgerliche Wohnung des Kapitalisten sich eigentlich erübrigt“ hätte. Und wer bis dahin noch nicht in den Schlaf gesunken war, konnte kurz vor Mitternacht in einer weiteren Diskussionsrunde versuchen, sich ein eigenes Bild vom revolutionären Subjekt zu machen – „Arbeiter sehen einen Film“ lautete ihr paternalistischer Titel.
Was heute unfreiwillig komisch wirkt, galt damals als Signal des Aufbruchs. Intellektuelle beteten das gesellschaftskritische Potential der einfachen Leute förmlich an, so dass einseitige Parteinahme manchen als legitimes Instrument des Fortschritts erschien. Entsprechend begeisterte man sich für die spröde Prosa der „Literatur der Arbeitswelt“, und aus der gleichen Haltung heraus stellte der WDR gerade die Weichen für Rainer-Werner Fassbinders nicht minder hölzerne Serie „Acht Stunden sind kein Tag“, die das Thema auf acht Stunden auswalzte. Fernsehen, Bildungspolitik, Hörfunk: Es genügte jetzt nicht mehr, lediglich die „Eliten“ oder gar bildungspolitische „Multiplikatoren“ anzusprechen. Deshalb hatte auch die Bundeszentrale für politische Bildung die „Roten Fahnen“ bezuschusst. Geplant war, den Film gleich mit hundert Kopien an die Schulen und Volkshochschulen zu bringen. Das Interesse war groß, denn als „bester Dokumentarfilm“ erhielt er den Preis der deutschen Filmkritik sowie den vom Bauer-Verlag vergebenen Publikumspreis „Goldener Bildschirm“, ehe schließlich die Krönung mit dem Adolf-Grimme-Preis in Gold folgte.
Reaktionen des Unternehmens
Auch die Kritisierten empfanden „Rote Fahnen“ als Weckruf. Zwar kannten nur Fachleute den Namen der Phrix AG, die das Werk in Krefeld stillgelegt hatte. Aber deren Muttergesellschaft war die BASF und damit einer der großen Namen der westdeutschen Wirtschaft. Wolfgang Heintzeler ärgerte sich: „Dekoriert mit dem Grimme-Preis ist dieser Film für die linksextremen Kräfte unseres Landes ein Propagandainstrument, das man sich“, so der BASF-Vorstand, „wirksamer überhaupt nicht vorstellen kann.“ Unter der Regie von PR-Chef Albrecht Oeckl rief der Chemiekonzern zur Gegenoffensive: Nach den „Linksentwicklungen des letzten Jahres“ gedachte man „aggressiven Artikeln oder Sendungen“ künftig „in einer deutlichen Form“ entgegenzutreten. Oeckls Kampagne zielte darauf, den „Grimme-Preis rot anzustreichen“. Mittel dazu waren Protestbriefe an die Intendanten, wonach die einseitige Parteinahme des Filmes nicht durch die Rundfunk-Staatsverträge gedeckt sei. Informell trat man auch an Hellmut Becker heran. Der Präsident des Volkshochschulverbandes sollte Druck auf den Grimme-Preis ausüben, ebenso die in Marl ansässigen Chemischen Werke Hüls, die ihre Direktoren denn auch von der Preisverleihung zurückzogen.
Hinzu trat eine Pressekampagne, die auf die Glaubwürdigkeit des Filmes zielte. Nach wie vor herrschten Vollbeschäftigung und Arbeitskräftemangel, so dass die Lage der Phrix-Arbeiter eigentlich für sich sprach. Jedenfalls fanden die von der Werksschließung Betroffenen mühelos neue Arbeit, oft sogar zu besseren Bedingungen und höheren Löhnen. In Hintergrundgesprächen mit Journalisten stellten Oeckls Leute dies vor allem heraus und wiesen auch darauf hin, dass der Film die Konditionen des Sozialplans für die Phrix-Beschäftigten nicht gewürdigte habe, vermutlich weil dies nicht in dessen kapitalismuskritische Tendenz passte. Auch bauschte man die Tatsache auf, dass den Protagonisten des Films für ihre monatelange Mitwirkung eine Aufwandsentschädigung gezahlt worden war. Der Frankfurter Allgemeinen genügten diese Informationen, um von „Agitation mit der Kamera” zu sprechen und zu dem Schluss zu gelangen, dass der gesamte Film eine Inszenierung und deshalb unglaubwürdig sei. Die Autoren wiesen diese Kritik zurück und waren überzeugt, dass „auch ein neutraler Betrachter des Gesamtmaterials in den Aussagen der vier Hauptpersonen nichts finden” werde, was überhaupt „in das vorgefasste Weltbild” eines Redakteurs der Frankfurter Allgemeinen passte.
Tendenzwende
Die Ludwigshafener PR-Männer waren Profis genug, um zu wissen, dass ihre Kampagne viel zu spät begonnen hatte, zumal Worte gegen Bilder kaum etwas ausrichten. Intern sprachen sie denn auch von einer schweren „Niederlage der Unternehmerseite“. Mit „Rote Fahnen“ setzte eine gesellschaftspolitische Gegenbewegung ein. Der zeitgenössische Begriff dafür lautete „Tendenzwende“; die Medien- und Bildungspolitik gehörten zu ihren wichtigsten Aktionsfeldern. Die „Roten Fahnen“ sollten möglichst nicht in die Schulen oder Volkshochschulen gelangen. Oeckl nutzte dazu seine Bonner Kontakte und stimmte sich auch mit Burkhard Freudenfeld vom Kölner Industrieinstitut ab (heute: Institut der Deutschen Wirtschaft). Sie sprachen auch beim Direktor der Bundeszentrale vor, und Hans-Dietrich Genscher (FDP) sorgte als Bundesinnenminister dafür, dass sich bei der Bundeszentrale für politische Bildung zunächst Beirat und Kuratorium mit dem Film befassten. Das sorgte für viel Medienrummel und auch für die wohl intendierte Verzögerung. Jedenfalls dauerte es bis Dezember 1973, ehe man sich auch nur darauf verständigt hatte, den inzwischen zweieinhalb Jahre alten Film demnächst probeweise in den Verleih zu geben. Das erforderte zunächst ein didaktisches Konzept, was weitere Zeit kostete. Als endlich ein entsprechender Entwurf vorlag, verschwand das Begleitheft aber ebenso in den Schubladen wie der Film. Beides passte inzwischen nicht mehr in die Zeit. Ölpreisschock und Konjunkturkrise sorgten jetzt für Massenarbeitslosigkeit, und nirgends in der Bundesrepublik wehten deshalb rote Fahnen.
Literatur
Dietz, Bernhard (2020): Der Aufstieg der Manager. Wertewandel in den Führungsetagen der westdeutschen Wirtschaft, 1949-1989, Berlin.
Hagemann-Wilholt, Stephanie (2016): Das „gute“ Unternehmen. Zur Geschichte der Unternehmenskommunikation, Bielefeld.
Roth, Wilhelm (2000): Porträtfilm und Langzeitbeobachtung als Geschichte des Alltagslebens in der BRD und der DDR, in: Peter Zimmermann/Gebhard Moldenhauer: Der Geteilte Himmel. Arbeit, Alltag und Geschichte im ost- und westdeutschen Film, Konstanz, S. 143-158.
Hachmeister, Lutz (1994): Das Fernsehen und sein Preis. Stichworte zur Einleitung, in: ders./Ulrich Spies (Hrsg.): Das Fernsehen und sein Preis. Materialien zur Geschichte des Adolf-Grimme-Preises 1973-1993, Bad Heilbrunn, S. 18-42.