Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.

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Glossar der Kapitalismuskritik

Dorothee Sölle und die Befreiungstheologie

von Carolin Hochkirchen

Dorothee Sölle (30.9.1929 - 27.4.2003) war eine der wichtigsten deutschen Vertreterinnen der Befreiungstheologie und stellte sich entschieden gegen den Kapitalismus und die damit einhergehende Ungerechtigkeit in der Welt. Für ihr Wirken als Autorin wurde sie vielfach ausgezeichnet, erhielt mehrere Ehrendoktorwürden und eine Ehrenprofessur (vgl. Sacher, 2023, S. 8 ff.). Ihre oft provozierende und radikale Kritik an den bestehenden Lebensverhältnissen begeisterte viele Menschen, brachte ihr jedoch auch Gegner ein, die beispielsweise ihren biblisch motivierten Pazifismus nicht teilten (vgl. Wind, 2016, S. 278, 280 ff.). Die Hauptziele ihrer Arbeit lauteten: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (vgl. Sölle, 1990, S. 8). Ihre Kritik am Kapitalismus, die sich innerhalb dieser Kategorien bewegte, wies aufgrund des jeweils aktuellen politischen Geschehens unterschiedliche Schwerpunkte auf. Die Grundidee blieb jedoch immer dieselbe. Seit den siebziger Jahren orientierte sie sich stark an der Befreiungstheologie Südamerikas, die den Hauptfokus auf die Befreiung der Armen aus einem System legte, welches Menschenrechtsverletzungen immer auch im Namen der Profit-maximierenden Wirtschaft beging (vgl. Fitzgerald, 2007, S.248 ff). Diese Situation hatte Sölle im Jahr 1979 in Argentinien selbst miterlebt (vgl. Sölle, 2007, 316 ff), weshalb sie immer wieder die Abkehr von profitgeleiteten und machtbesessenen Idealen forderte. Häufig verwendete sie Beispiele aus Südamerika, um ihre Position zu untermauern. Die Idee, dass man privatem Besitz widersagen und diesen stattdessen mit den Menschen teilen solle, griff sie oft auf, etwa 1983 auf der Weltkirchenkonferenz in Vancouver (vgl. Fitzgerald, 2007, S. 249 f. u. Sölle, 1983, S. 242 ff.). Im Zentrum der theoretischen politischen Befreiungsarbeit stand für Sölle immer die Bibel. Sie nutzte bekannte Gleichnisse, arbeitete diese auf und bezog sie auf aktuelle Situationen und Missstände.

Dorothee Sölle im Juni 1985 auf dem Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf,
© epd-bild / Norbert Neetz.

Kalter Krieg und Friedensaktivismus

Während des „Zweiten Kalten Krieges“ zeichnete sich ihr Aktivismus durch Friedensforderungen, einen starken Anti-Militarismus und Anti-Amerikanismus aus. Dies war die Zeit, in der sie besonders durch Protestaktionen auffiel, etwa durch ihre Beteiligung an der Blockade des US-Stützpunktes in Mutlangen. Der Zeitpunkt war kein Zufall, denn die Aktion begann auf den Tag genau 44 Jahre nach dem deutschen Angriff auf Polen. Analogien wie: „1939: Damals wurde zurückgeschossen – 1983: Heute wird nachgerüstet“, sollten vor einem weiteren, diesmal womöglich atomaren Krieg warnen. Unter den Demonstranten befanden sich Prominente wie etwa der Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll und der SPD-Politiker Oskar Lafontaine (vgl. Rohrmoser, 2021, S. 84 f.).  Zwei Jahre später wurde Sölle aufgrund ihrer Beteiligung zu einer Geldstrafe verurteilt und hielt noch am selben Abend eine Rede, in der sie Widerstand gegen den Militärisch-Industriellen Komplex forderte, welcher Armut, Hunger und Tod über Mensch und Natur bringe (vgl. Wind, 2016, S. 285).

Sölle traf durch ihren Widerstand den Nerv der Zeit. Viele Menschen gingen seit Beginn der achtziger Jahre auf die Straße, demonstrierten für den Frieden und gegen das atomare Wettrüsten der Supermächte. In der Ideenwelt von Linken, Christen, Sozialisten, der Ökologie- und Frauenbewegung spiegelten sich die Hauptziele der deutschen Befreiungstheologie, die 1983 auf dem Düsseldorfer Kirchentag weiten Raum einnahmen (vgl. ebd. S. 285 f.). Zugleich erreichte der Konflikt um Sölles Gesellschaftskritik einen Höhepunkt. Auf der Weltkirchenkonferenz in Vancouver sprach sie im Juli 1983 über das „Leben in seiner Fülle“ und prangerte nicht nur die herrschende Geld- und Machtgier der westlichen Welt an, sondern behauptete auch, dass die konservativen Kirchen eine Apartheidtheologie betrieben. Die Armen würden ausgeschlossen und unsichtbar bleiben. Viele der europäischen und nordamerikanischen Kirchen hätten stattdessen das Geld zu ihrem Gott gemacht; ihre Passivität unterstütze die militärische Aufrüstung und damit die Zerstörung der Schöpfung (vgl. Sölle, 2010, S. 244 ff.). Sie provozierte mit diesen Aussagen, und die Kirchenleitungen distanzierten sich. In Deutschland hieß es jetzt, Sölles Aussagen deckten sich nicht mit den Glaubenssätzen der evangelischen Kirche. Demgegenüber gewann Sölle viele Anhänger unter Geistlichen aus der 68er-Generation. Sölle wurde durch ihren lauten Aktivismus zum Symbol des Kampfes für Frauen- und Menschenrechte (vgl. Wind, 2016, S. 280 f.).

Wiedervereinigung, Wirtschaftskritik und Kultur der Apartheid

Nach der „Wende“ und dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten hielt Sölle an ihrer Kapitalismuskritik fest. Der globale Kapitalismus hatte sich durchgesetzt, und Sölle kritisierte ihn als Technokratie, die gewalttätiger sei denn je – getrieben vom Zwang, mehr und schneller zu produzieren (ebd. S. 287). Die Großtechnologie würde immer unbefriedigendere Formen der Arbeit und gleichzeitig immer mehr Arbeitslose hervorbringen (vgl. Sölle, 1990, S. 41). Menschen würden zu Produkten degradiert, und multinationale Großunternehmen zerstörten die Selbstversorgung ganzer Regionen und trieben Menschen in die Armut (vgl. Sölle, 2006, S. 244).

Trotzdem zeigte sich zu dieser Zeit eine gesellschaftliche Euphorie, da der Frieden für viele greifbar nah schien. Doch bereits 1992 erschütterte ein rassistisch motivierter Anschlag auf türkische Familien die Stadt Mölln. Anlässlich dieser Tat hielt Sölle eine Rede, in der sie sagte: „Unser Land befindet sich in der schlimmsten politischen Krise seit Bestehen der Bundesrepublik.“ (Sölle, 2010, S. 260). Sie schäme sich für den Faschismus, der wieder hochkoche, und sie schäme sich für einen Kult der Gewalt (vgl. ebd. 2010, S. 261 f.). Sölle sah einen gemeinsamen ideellen Kern zwischen rechtsradikalen Subkulturen und kapitalistischem Staat: Unterdrückung und Auslöschung. Die einen mordeten auch, um die Erinnerung an die Vergangenheit auszulöschen, während die anderen „in Schlips und Kragen“ den Grundgesetz-Artikel 16, „auch ein Erbe der Vergangenheit weghaben“ wollten (ebd.: S. 262). Die Gesamtsituation der Gesellschaft bezeichnete Sölle erneut als eine „Kultur der Apartheid“ – worunter sie die Ausgrenzung von einem Drittel der Gesellschaft verstand, das nicht schnell genug produziere und nicht anspruchsvoll genug konsumiere (vgl. Sölle, 1990, S. 81 f.).

Auch nach 1989/1990 hielt Sölle an ihrem Anti-Amerikanismus fest. So prangert sie 1990 vor allem den low intensity conflict der USA an, der bereits seit Anfang der achtziger Jahre jeden Versuch einer Befreiung aus dem vorherrschenden Wirtschaftssystem unterdrücke. Grundlage dieses Konflikts sei ein tiefliegender Antikommunismus. Alles, was nicht dem Kapitalismus diene, gelte als kommunistisch und müsse demnach zerstört werden (vgl. ebd. S. 125 ff). Konkrete Beispiele dafür schilderte sie anhand von Augenzeugenberichten aus militärisch besetzten Gebieten in Guatemala. Hier werde der Zwang zur Partizipation an einem System deutlich, welches das selbstbestimmte Leben unterdrücke. (vgl. ebd. S. 126).  Sölle forderte die Abrüstung dieses militärischen Kapitalismus, der sich durch Machtmissbrauch und Profitsucht auszeichne, und in dessen Namen Terror, Gewalt und Mord begangen würden (vgl. ebd. S. 130 f.).

Ökologie, Feminismus und Macht

Sölles Kapitalismuskritik umfasste zudem einen Appell an die ökologische Verantwortung. Immer wieder finden sich in ihren Texten Referenzen zum Umwelt- und Tierschutz. „Wann werden wir aufhören zu den Plünderern zu gehören, die sich an den Armen bereichern? [...] Gebt eure Zeit nicht dem Militär, [...] Beschützt die Bäume, die wir noch haben“ (ebd. S. 18). Sölle war eine feministische Theologin und verknüpfte ihre Kapitalismuskritik immer wieder mit der Befreiung der Frau. Viele Frauen würden, unabhängig von ihrer sozialen Rolle, als Opfer patriarchaler kapitalistischer Strukturen übersehen werden (vgl. Sölle 1990: 8). Sölle definiert das Patriachart als eine von Männern getragene Lebensordnung, in der das höchste Gut allein die Macht sei (vgl. ebd. S. 77). Der Kampf gegen das System müsse aber gewaltlos stattfinden. Radikale Kritik und unermüdliche Überzeugungsarbeit gelte es der herrschenden Gewalt entgegenzustellen (vgl. Sölle, 2010, S. 262 f.). Sölle hatte ein breit gefasstes Verständnis von Gewalt und erblickte diese im Krieg, in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen und Handelsbeziehungen, aber auch in der Misshandlung von Tieren oder in der Zerstörung und Vergiftung der Erde (vgl. Wind, 2016, S. 283 ff). Kern der gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten war in ihrer Sicht immer der Kapitalismus, bei dessen Strukturen auch jedes Reformanliegen ansetzen müsse. Sölles besondere Popularität zur Zeit des Zweiten Kalten Krieges ist dabei immer auch im Zusammenhang mit der kollektiven gesellschaftlichen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu sehen – und mit ihrer Instrumentalisierung für aktuelle politische Interessen (vgl. Wind, 2016, S. 281). 

Literatur

Baltz-Otto, Ursula/Steffensky, Fulbert (Hrsg.) (2006): Dorothee Sölle. Gesammelte Werke. Band 4: Die Wahrheit macht euch frei, Stuttgart.

Dies. (2007): Dorothee Sölle. Gesammelte Werke. Band 5: Wählt das Leben, Stuttgart.

Dies. (2010): Dorothee Sölle. Gesammelte Werke. Band 11: Löse die Fesseln des Unrechts, Freiburg im Breisgau.

Fitzgerald, Valpy (2007): The economics of liberation theology, in: Rowland, Christopher (Hrsg.): The Cambridge companion to liberation theology (2007), Cambridge, S. 248-264.

Rohrmoser; Richard (2021): Sicherheitspolitik von unten. Ziviler Ungehorsam gegen Nuklearrüstung in Mutlangen, 1983-1987, Frankfurt am Main.

Sacher, Konstantin (2023): Dorothee Sölle auf der Spur. Annäherung an eine Ikone des Protestantismus, Leipzig.

Schottroff, Luise/Sölle, Dorothee (1990): Hannas Aufbruch. Aus der Arbeit feministischer Befreiungstheologie: Bibelarbeiten, Meditationen, Gebete, Gütersloh.

Wind, Renate (2016): Dorothee Sölle. Das Nein zu einer Welt der Gewalt, in: Hofheinz, Marco/von Oorschot, Frederike (Hrsg.): Christlich-theologischer Pazifismus im 20. Jahrhundert (2016), Münster, S. 277-290.