Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.

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Glossar der Kapitalismuskritik

Die NSDAP und das „Sofortprogramm“ von 1932

von Ibrahim El-Kayed

Am 10. Mai 1932 traten im Reichstag politische Optionen offen zutage, die unvereinbar waren. Reichskanzler Heinrich Brüning regierte mit dem Notverordnungsrecht und war auf Rückendeckung durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg angewiesen, der eben erst im Amt bestätigt worden war. Wilhelm Groener versuchte das kürzlich erlassene SA-Verbot zu rechtfertigen, doch der Reichswehr- und Innenminister war fieberkrank und bot ein Bild des Jammers. Sein Vertrauter Kurt von Schleicher intrigierte gegen ihn, weil Groener einer Einbindung der NSDAP im Wege stand. Dem Kanzler blieben nur Appelle. Es gelte auf „den letzten hundert Metern vor dem Ziel“ den Kurs zu halten. Dieser zielte vor allem darauf, die Reparationszahlungen an die Siegermächte des Ersten Weltkrieges abzuschütteln. Dass Brünings Politik die Massenverarmung im Inneren tatenlos hinnahm, stand im Zentrum der nationalsozialistischen Agitation. Gregor Strasser trat dem im Reichstag mit der Forderung nach einem kreditfinanzierten Arbeitsbeschaffungsprogramm entgegen, das bald als „Wirtschaftliches Sofortprogramm der NSDAP“ veröffentlich werden sollte.

Wahlplakat der NSDAP von 1932; Wikimedia Commons.

Die Reichstagsrede

Strasser war ein Nationalsozialist der ersten Stunde und hatte sich schon an Hitlers Putschversuch vom November 1923 beteiligt. Seit 1928 als Reichsorganisationsleiter in eine einflussreiche Position gelangt, galt er als Gegenspieler Hitlers. Strassers Ideen zielten einerseits auf einen antikapitalistischen und sozialrevolutionären Kurs; andererseits knüpfte er aber auch Kontakte zu einflussreichen Industriellen und versuchte sich als politischer Bündnispartner in Stellung zu bringen. Sein Auftritt im Reichstag demonstrierte vor allem, wie sehr die Verhältnisse der NSDAP in die Karten spielten. So beantragte Strasser, Groeners fahrig-verzweifelte Rede auf Schallplatte pressen zu lassen – bessere Propaganda könnten sich die Nationalsozialisten gar nicht wünschen. Der Mitgliederzulauf der NSDAP sei doch das deutlichste Zeichen dafür, wie unzufrieden die Deutschen mit der derzeitigen Führung seien. Die Politik Brünings bezeichnete er als „selbstzerstörerisch“ und ungerecht, weil sie dem „Volk“ einen angemessenen Anteil am wirtschaftlichen Ertrag vorenthalte. Strasser glaubte, für eine „große antikapitalistische Sehnsucht“ zu sprechen, die „durch unser Volk geht, die heute schon 95 Prozent unseres Volkes bewusst und unbewusst erfasst“ habe (Kissenkoetter, 1978, S. 83).

Strasser stellte die Arbeitsbeschaffung ganz ins Zentrum – das war naheliegend angesichts von über sechs Millionen Arbeitslosen und Kurzarbeitern sowie mit Blick auf all die Arbeiter, Angestellten und mittelständischen Selbstständigen, die zwar noch Arbeit besaßen, aber um ihre Existenz fürchteten. Er wies aber auch auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage hin: Brünings Deflationspolitik habe mit ihren Lohn- und Gehaltskürzungen einen Nachfrageausfall mit sich gebracht, dem künftig entgegenzuwirken sei. Wenn er Landeskulturarbeiten, Eigenheimsiedlungen und Straßenbauprojekte zu finanzieren gedachte, zielte das immer auch auf den Multiplikatoreffekt solcher Ausgaben: „Der Bedarf, der nun durch die Durchführung all dieser Arbeiten an Gerät, Unterkunft, Bekleidung entsteht, wird weitere Arbeitskräfte in Handwerk, Industrie, Handel und Verkehr in Arbeit setzen“, so Strasser. Damit griff er Überlegungen von Gewerkschaftern auf, die schon zu Beginn des Jahres ein kreditfinanziertes Arbeitsbeschaffungsprogramm vorgeschlagen hatten – allerdings gegen den Widerstand der Sozialdemokraten im Reichstag. So rückte die NSDAP in die Position, für die Interessen einer Arbeiterschaft zu sprechen, die unter der außenpolitischen Agenda Brünings zu leiden hatte. Der Slogan dazu lautete „nicht Kapital schafft Arbeit, sondern Arbeit schafft Kapital“ (Kissenkoetter, 1978, S. 118). 

Antikapitalistischer Wahlkampf

Die Strasser-Rede vom 10. Mai 1932 stieß weit über die NS-Presse hinaus auf großes Interesse, was wohl auch an ihrem insgesamt eher verbindlichen Stil lag. Brünings Rücktritt und die Auflösung des Reichstags durch seinen Nachfolger Franz von Papen machten dann fatalerweise Neuwahlen nötig, die auf den 31. Juli angesetzt wurden. Strasser entwickelte aus seiner Rede das „Wirtschaftliche Sofortprogramm“, mit dem die Nationalsozialisten in den Wahlkampf zogen. Hier konkretisierte er die Kreditschöpfung durch die Reichsbank und schlug zudem ein System öffentlicher Preiskontrollen vor. Von der Broschüre wurden 600.000 Exemplare gedruckt – ohne von Hitler abgesegnet worden zu sein und ohne den Propagandachef Joseph Goebbels auch nur konsultiert zu haben. Die Kampagne richtete sich vor allem gegen die SPD, weil diese Brünings Notverordnungen parlamentarisch mitgetragen hatte. Die NSDAP plakatierte „Arbeit und Brot“, und Strasser vertrat das Programm dann auch in zwei Rundfunkreden vom 14. Juni und 29. Juli 1932. Hitler mochte sich auf das Format der vom Blatt vorgetragenen Ansprache ohne Publikum nicht einlassen (Kissenkoetter, 1978, S. 119 f.).

Zum Sofortprogramm gehörte aber auch eine schrille Kapitalismuskritik. Generell befürwortete Strasser eine „staatliche Lenkung der Wirtschaft“. Monopole sollten aufgelöst oder unter staatliche Verwaltung gestellt werden (was für die Zeitgenossen leicht erkennbar auf die Kooperation des Reiches mit dem schwedischen Zündholzmagnaten Ivar Kreuger anspielte, der sich im März 1932 das Leben genommen hatte). Die Gewinne aus solchen Monopolen sollten künftig „der Allgemeinheit zugutekommen und nicht dem Finanzkapital“. Strasser schwebte vor, dass Aktiengesellschaften und Banken monatlich berichten sollten, und zur staatlichen Aufsicht gehörten auch Eingriffsrechte. Dies alles zielte auf die „Brechung der Zinsknechtschaft“ – ein Kernpunkt der nationalsozialistischen Kapitalismuskritik, der bis auf Gottfried Feders Ideen von 1919 zurückreicht. Diese zielten vor allem auf die Interessen des Handwerks und des gewerblichen Mittelstandes. Hinzu kamen Agrarromantik und Sozialprotektionismus: Wenn es nach dem Sofortprogramm ging, lag im Strukturwandel – also dem gesamtwirtschaftlichen Bedeutungsverlust der Landwirtschaft und der Stärke der Industrie – gerade eine der zentralen Krisenursachen. Entsprechend sollte neugebildetes Kapital in Zukunft stärker der Landwirtschaft zugutekommen. Demgegenüber hieß es: „Die Neuerstellung industrieller Produktionsanlagen muss genehmigungspflichtig gemacht werden“. Außerdem forderte das Programm eine bessere soziale Absicherung der Arbeitnehmer und den Ausbau der Altersversorgung; mehr Staatseinnahmen versprach man sich von der stärkeren Besteuerung hoher Einkommen. Auch die Ideen des späteren Reichsarbeitsdienstes fanden sich bereits im Sofortprogramm: Dort galt es aber nur solche „Arbeiten auszuführen, die für die Belebung der gesamten Wirtschaft notwendig sind und auf normalem Wege nicht durchgeführt werden können“, um den Unternehmen keine staatliche Konkurrenz zu machen (Kissenkoetter, 1978, S. 112-114). 

Folgen

Dass Hitlers Zurückhaltung im Juli-Wahlkampf taktischer Natur war, zeigte sich schnell. Strassers Ideen waren in der politischen Konstellation vom Frühsommer ausgesprochen nützlich, wie schon der Wahlausgang zeigte: Der Arbeitsbeschaffungspropaganda des Sofortprogramms hatten die demokratischen Parteien kaum etwas entgegenzusetzen. Die NSDAP wurde mit Abstand stärkste Reichstagsfraktion, nachdem sie 37,3 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigt hatte. Die 86 Toten, die den Straßenschlachten zwischen Nationalsozialisten und ihren Gegnern auf der Linken allein im Juli zum Opfer fielen, deuten aber bereits an, dass Strassers Programmatik all jenen Auftrieb gab, die Hoffnung auf einen revolutionären Umsturz setzten. Hitler, Göring und Goebbels zählten nicht dazu, weil sie in der Kapitalismuskritik ein Hindernis auf ihrem Weg an die Macht erkannten. Während Strasser in eine Regierung unter der Führung Kurt von Schleichers einzutreten bereit war, wollte Hitler die ganze Macht – und entsprechend kam es Ende November 1932 zur Konfrontation: Strasser wagte den innerparteilichen Aufstand jedoch nicht und erklärte am 8. Dezember 1932 in einem Brief an Hitler seinen Rücktritt. Tags darauf ließ Hitler sich durch den Reichstagspräsidenten Hermann Göring die persönliche Treue aller Gauleiter und Reichstagsabgeordneten schwören. Strassers Strukturen innerhalb der Partei wurden aufgelöst, da Hitler seine persönliche Macht nicht durch dessen „bürokratischen Apparat“ gefährdet sehen wollte (Thamer, 2020, S. 61 f.). Der Konflikt zwischen sozialrevolutionären Nationalsozialisten in der SA oder bei den Betriebszellen und dem ganz auf Hitler eingeschworenen Führungszirkel schwelte aber weiter. Er endete bekanntlich in der Gewalt des sogenannten Röhm-Putsches. Obwohl Strasser sich vollständig zurückgezogen hatte, sah Hitler in ihm auch weiterhin eine Bedrohung. Deshalb ließ er ihn am 30. Juni 1934 ermorden. 

Literatur

Kissenkoetter, Udo: Gregor Straßer und die NSDAP, Stuttgart 1978.

Kowall, Nikolaus: „Arbeit und Brot“. Die sozioökonomische NS-Propaganda vor 1933, in: Wirtschaftsdienst, 103 (2023), S. 406-412.

Thamer, Hans-Ulrich: Die NSDAP. Von der Gründung bis zum Ende des Dritten Reiches, München 2020.