
Kundenkartei, Bürobetrieb Wäschefabrik Winkel; Foto: Tim Schanetzky, 2004.
Glossar der Kapitalismuskritik
Nicaragua-Solidarität
von Ufukcan Demirtas
Die Nicaragua-Solidaritätsbewegung entwickelte sich in Deutschland in den siebziger Jahren als Reaktion auf die politischen und sozialen Umbrüche in Nicaragua. Ein wichtiger Anstoß dazu war das Erdbeben vom Dezember 1972, das am Tag vor Heilig Abend das Zentrum von Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, fast vollständig zerstörte und etwa 11.000 Todesopfer forderte. Die politische Verantwortung des diktatorischen Regimes von Anastasio Somoza, das sich an internationalen Hilfslieferungen bereicherte, verstärkte den Widerstand und führte zur Stärkung der sandinistischen Befreiungsfront (FSLN). Im Bürgerkrieg kämpfte sie erfolgreich gegen das diktatorische Regime und stürzte Somoza schließlich im Juli 1979. Die Sandinisten wurden von der in Lateinamerika entstandenen Befreiungstheologie beeinflusst, die eine kritische Haltung gegenüber kapitalistischen Strukturen einnahm. Die Befreiungstheologie, die sich für soziale Gerechtigkeit und die Rechte der Armen einsetzt, stieß auch in Deutschland auf Resonanz, was dazu führte, dass sich zahlreiche Gemeinschaften und Einzelpersonen mit der sandinistischen Revolution solidarisierten (Heß, 2023, S. 708 f.).
Werbung für Solidarität: Arbeitsbrigaden-Kampagne von 1984; Informationsbüro Nicaragua e.V..
Solidarität und Motive des Aktivismus
Die deutsche Nicaragua-Solidaritätsbewegung schloss sich diesen Bemühungen an, indem sie aktiv den Aufbau eines gerechten Wirtschaftssystems unterstützte und sich der sozialen Ungleichheit entgegenstellte. In enger Zusammenarbeit mit den Sandinisten engagierten sich Aktivisten in Arbeitsbrigaden, die Tausenden von jungen Menschen die Gelegenheit gaben, mit armen Bauern und Landarbeitern zu arbeiten, die Kaffee für den Weltmarkt produzierten. Diese praktische Solidarität vermittelte ein tieferes Verständnis der Ausbeutung Nicaraguas und vielen anderen Ländern des globalen Südens (Ebd., S. 710).
Ein weiterer Aspekt der Kapitalismuskritik in der Nicaragua-Solidarität war die Betonung von sozialer Gerechtigkeit als unverzichtbarem Bestandteil eines nachhaltigen Friedens. Die Bewegung argumentierte, dass Frieden ohne soziale Gerechtigkeit gar nicht existieren könne. Eigentlich zielte das auf eine Kritik an der US-amerikanischen Politik, der die Aktivisten vorwarfen, strukturelle Gewalt auszuüben und die Ungleichheit in der Region aufrechtzuerhalten (Helm, 2018, S. 301). Diese Kritik wurde durch die wirtschaftlichen Sanktionen und das Embargo der USA gegenüber Nicaragua weiter verstärkt, die als Versuch angesehen wurden, das Land zu politischer Anpassung zu zwingen (Ebd., S. 286).
Die Nicaragua-Solidarität war zugleich eine Reaktion auf das Krisenbewusstsein und die Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen in der Bundesrepublik. Schon im Frühjahr 1980 zählte die neue Regierung 150.000 Ausländer in Nicaragua – gegenüber weniger als drei Millionen Einwohnern – und bat ausdrücklich um eine Pause des Revolutionstourismus. Später gab man die Parole „Gemeinsam werden wir siegen!“ aus und rief ausdrücklich zur Mitwirkung an der Arbeitsbrigaden-Kampagne auf, die von 1983 bis 1987 dauerte. Erneut folgten dem Aufruf zum gemeinsamen Kampf gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung junge Menschen aus den USA und Europa zu Tausenden (vgl. Heß, 2023, S. 710).
Viele von ihnen suchten in der nicaraguanischen Revolution einen neuen gesellschaftlichen Idealzustand, der sich von den als stagnierend empfundenen Zuständen in Deutschland abhob (Helm, 2018, S. 376). Diese Suche nach einem alternativen Lebensmodell war eng mit der Kritik an den bestehenden kapitalistischen Strukturen verbunden, die als Ursache für soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten angesehen wurden.
Befreiungstheologie und Kapitalismuskritik
Befreiungstheologie und Kapitalismuskritik sind einflussreiche Strömungen der sozialen Gerechtigkeitsbewegungen des 20. Jahrhunderts. Die Befreiungstheologie entstand in den sechziger Jahren in Lateinamerika als Reaktion auf soziale Ungerechtigkeit und wirtschaftliche Ungleichheit. Ihre Theologie fokussierte bei der Bibelauslegung auf die Lebenserfahrung der Armen und zielte darauf, soziale Ungerechtigkeit durch eine kritische Reflexion über gesellschaftlichn Strukturen zu bekämpfen (Eckholt, 2023, S. 103).
Wirtschaftliche und soziale Bedingungen der Lebensverhältnisse etwa der landlosen Bauern wurden so zum wichtigsten Ausgangspunkt einer theologisch fundierten Gesellschaftskritik. Ihre Kapitalismuskritik hatte dabei zugleich eine politökonomische Stoßrichtung sowohl gegen die Dikaturen in Lateinamerika als auch gegen deren wirtschaftlich-militärische Abhängigkeit von den USA (Ebd., S. 120). Demgegenüber betonten Befreiungstheologen christliche Werte von Gerechtigkeit und Solidarität, was auch für viele Aktivisten in der Bundesrepublik attraktiv war, besonders wenn sie sich als „progressive Christen“ verstanden (Helm, 2018, S. 235). Diese Gruppen sahen die Möglichkeit, ihren Glauben und ihre politischen Überzeugungen in einem revolutionären Kontext zu vereinen; entsprechend projizierten sie ihre Hoffnungen – sei es der Sozialismus, sei es die christliche Nächstenliebe – auf die nicaraguanische Revolution.
Ernesto Cardenal
Die Nicaragua-Solidaritätsbewegung in Deutschland entstand in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre. veranschaulicht die Verbindung von Theologie, Kapitalismuskritik und politischem Engagement und demonstriert, inwiefern die Prinzipien der Befreiungstheologie, inspiriert durch Persönlichkeiten wie Ernesto Cardenal, die praktischen Solidaritätsaktionen beeinflussten. Cardenal galt in Deutschland als eine zentrale Symbolfigur der Bewegung und wurde von vielen Aktivisten als moralische Instanz wahrgenommen (Heß, 2023, S. 708). Die politischen Psalmen des Priesters waren erstmals 1967 ins Deutsche übersetzt und von Dorothee Sölle mit einem euphorischen Nachwort versehen worden. So entwickelte sich Cardenal rasch zu einer wichtigen Identifikationsfigur in jenen linksliberal-bürgerlichen Zirkeln der Bundesrepublik, die nicht zum Milieu der Neuen Sozialen Bewegungen gehörten.
Cardenal (1925-2020) stammte aus der Oberschicht Nicaraguas, hatte Literaturwissenschaften und Philosophie studiert und sein Heimatland schon 1956 aus politischen Gründen verlassen müssen; erst im Exil studierte er dann katholische Theologie. Gründer einer an urchristlichen Vorstellungen orientierten Landkommune, beteiligte er sich am Bürgerkrieg und amtierte schließlich von 1979 bis 1987 als Kultusminister der sandinistischen Regierung. Cardenal war Marxist und formulierte in seinen Werken eine scharfe Kritik am Kapitalismus, in die auch seine Erfahrungen als Student an der New Yorker Columbia University und ein mehrjähriger Exilaufenthalt in den USA mit einflossen.
So zeichnen seine literarischen Arbeiten (etwa „Cuentos de la Revolución“ und „La Oración por Marilyn Monroe“) das Bild von einem konsumgesellschaftlichen System der Unterdrückung, das soziale Ungleichheit verfestige. Diese Werke spiegeln nicht nur seine politischen Überzeugungen, sondern auch seine theologische Perspektive, die eng mit der Befreiungstheologie verknüpft ist. Cardenal galt der Kapitalismus als Hindernis für eine gerechte Gesellschaft, und er nutzte seine Schriften, um sowohl auf die systemischen Probleme als auch auf die spirituelle Dimension der Befreiung hinzuweisen. In seinem literarischen Werk stellte er den Kapitalismus als einen Akt der Gewalt dar, der Frieden und Gerechtigkeit bedrohe. Die soziale Realität in Nicaragua zu schildern, war für ihn zugleich Anklage kapitalistischer Strukturen als auch Aufruf zur Solidarität (Eckholt, 2023, S. 119).
Folgen
Die Wirkung der Nicaragua-Solidaritätsbewegung in Deutschland war vielfältig. Sie trug nicht nur zur Unterstützung der sandinistischen Revolution bei, sondern beeinflusste auch die politische und soziale Landschaft in Deutschland. Die Beteiligung an der Bewegung führte bei vielen Menschen zu einem neuen Bewusstsein für globale Ungerechtigkeit und die Rolle kapitalistischer Strukturen bei deren Aufrechterhaltung. Diese Erkenntnisse führten zu einer verstärkten Vernetzung von sozialen Bewegungen und zur Diskussion über die Notwendigkeit alternativer Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle. Die Nicaragua-Aktivisten zielten auf eine Kapitalismuskritik, die Solidarität mit moralischem Engagement verknüpfte. Ihnen ging es darum, die „gefühlte Trostlosigkeit der Gegenwart“ zu überwinden, indem sie praktische Solidarität als transformative Kraft einsetzten (Süß, 2023, S. 167).
Literatur
Eckholt, Margit (2023): Entwicklung oder Befreiung? Ein kritischer Blick auf Entwicklungsparadigmen aus interkulturell-theologischer Perspektive, in: Patrick Becker/Knut V.M. Wormstädt (Hrsg.): „Entwicklung“ als Paradigma. Reflexionen zu einer nachhaltigen internationalen Zusammenarbeit, Bielefeld, S. 99-126.
Helm, Christian (2018): Botschafter der Revolution. Das transnationale Kommunikationsnetzwerk zwischen der Frente Sandinista de Liberación Nacional und der bundesdeutschen Nicaragua-Solidarität 1977-1990, Berlin.
Heß, Klaus/Baltodano Marcenaro, Mónica (2023). Erfahrungen der deutschen Nicaragua-Solidaritätsbewegung, in: Prokla 53, S. 707-716.
Süß, Dietmar (2021): Den Kapitalismus bearbeiten. Solidarität, „Dritte-Welt-Bewegung“ und der Kampf gegen den „Neoliberalismus“ seit den 1970er Jahren. In Thomas Kroll/Bettina Severin-Barboutie (Hrsg.): Wider den Kapitalismus. Antikapitalismen in der Moderne, Frankfurt am Main 2021, S. 159-184.